Die künstlich erschaffene, trocken gelegte Region ringt um seine Identität. Dabei geht es um Familiengeschichten, Anpassung, Veränderungen, um den Umgang mit Wasser, Wind, Sonne und Erde. Was macht die Region aus? Ist es die stete Veränderbarkeit an sich? Ein Versuch des Verstehens.
Das Oderbruch - Eine Kontaktaufnahme
Die künstlich erschaffene, trocken gelegte Region ringt um seine Identität. Dabei geht es um Familiengeschichten, Anpassung, Veränderungen, um den Umgang mit Wasser, Wind, Sonne und Erde. Was macht die Region aus? Ist es die stete Veränderbarkeit an sich? Ein Versuch des Verstehens. Von Juliane Roschitz
Weite, Wolken, sanfte weitläufige Hügel, Felder. Zwischendrin alte Fabriken, vereinzelte Gehöfte, Landstraßen, Alleen. Wenig Menschen, viel Platz. Wir sind im Oderbruch. Europäisches Kulturerbe seit 2022. Obwohl diese Region den halben Landkreis ausmacht, in dem ich lebe, bin ich erst sehr spät mit ihm in Kontakt gekommen. Ich wusste, dass es existiert. Als ich Kind war, fuhr mein Vater manchmal nach Wuschewier – wegen der Fleischerei Butschke. Das war es dann auch schon. 30 Jahre später dann eine hitzige Debatte über ein Wiedervernässungsprojekt im Oderbruch. Die einen fanden es ganz wichtig, andere meinten, Wiedervernässung heißt absaufende Dörfer und andere verstanden nicht viel oder mischten weitere Themen dazu. Und dann waren da noch die, die generell nein sagten, weil das Projekt „aus Potsdam“ kommt. „Aus Potsdam“ ist gleichbedeutend mit „denen da oben“ und „wir lassen uns gar nichts sagen“. Bei derartigen Debatten habe ich oft den Eindruck, dass die Beteiligten nicht im gleichen Gespräch sind. So auch hier. Obwohl alle das Oderbruch retten und beschützen wollen, ist jeder gegen die vermeintlich rettende Maßnahme des anderen. Neben der Wiedervernässung betrifft das auch die Freiflächenphotovoltaik, die Windräder, die Biogasanlagen. Zu diesem Zeitpunkt der Debatte war ich im Team „Wiedervernässung“. Es erschien mir nur folgerichtig und im Sinne der Biodiversität und der Vielfalt im Oderbruch. Die Gegner demonstrierten, mit Schildern, die den Niedergang des Oderbruchs propagierten. Ich war verwirrt und wollte nun unbedingt verstehen, warum die einen das eine und die anderen das andere schädlich fanden. Was am Oderbruch ist schützenswert? Da ich nichts über das Oderbruch wusste, war ich wie gelähmt. Wo ist der Anfang? Wie kann ich in die Welt des Oderbruchs eintauchen?
Gibt man „Oderbruch“ in eine Suchmaschine ein, taucht eine TV-Serie auf. Die Bilder darin sind beeindruckend. Die Weite, die Leere, die Tiefe. Gedreht wurde aber in Görlitz, in der Oberlausitz und in Polen gedreht. Der Fluss war die Neiße. Menschen aus dem Oderbruch haben sich darüber beschwert, dass die Serie nicht unbedingt Werbung macht für die Region. Das Oderbruchmuseum in Altranft hingegen, gibt einen anderen Einblick ins Oderbruch. Einen echten Einblick. Was mir als erstes auffiel und sehr berührte waren die Zitate der Bürgerinnen.
Aber kürze ich es ab. Das Oderbruch und ich kommen uns näher. Dabei waren wir es sogar schon einmal. Das Sommerhochwasser 97 – ich erinnere mich an die Bilder und daran, dass viele Menschen geholfen haben, Sandsäcke, Hubschrauber. Was ich bisher weiß: Die Bedeutung des Wassers in diesem Gebiet ist vielseitig, gar widersprüchlich.
Der große Fritz, die DDR
und die Bundesrepublik
Friedrich der Große
Friedrich der Große brauchte Land für die Versorgung der Menschen. Statt kriegerischer Auseinandersetzung, veranlasste er die Urbarmachung des nassen Landes und erschuf ein Netz aus Schöpfwerken, Gräben und Staustufen. Das Werk der Menschen von damals besteht bis heute. Ohne sie stünde das Oderbruch unter Wasser. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, erfolgreich und technisch beeindruckend ist es gelungen eine ganze Region für den Nahrungsanbau nutzbar zu machen. Und nicht nur das. Es fehlte ja nicht nur trockenes Land, sondern auch Menschen, die mit dem Land arbeiten. Die Geschichte der Kolonisierung.
Beides – die Entwässerung des Landes und die Ansiedlung der Menschen – sind später, im Jahr 2022, die Fundamente für das Siegel „Europäisches Kulturerbe“. Die Veränderung der Landschaft durch den Menschen stand bei der Auszeichnung im Fokus.
Kriege vertrieben Menschen aus und in die Region. Ländergrenzen veränderten sich. Deiche wurden beschädigt.
Im Jahr 1947 staute sich Treibeis auf der Oder auf. Das gestaute Wasser lief über die Deiche, der Deich brach auf Höhe Küstrin-Kietz und Reitwein. Die Folge waren unkontrollierbare Wassermengen bis nach Bad Freienwalde. 20.000 Menschen wurden obdachlos. Sie mussten fliehen, verloren ihr Hab und Gut. Fliehen und Flucht ist an der Oder und in der Region eh ein Thema. Mein Eindruck auf Basis der Geschichte der Kolonisten, der Kriege, der Hochwasser hat wahrscheinlich jede Familie hier Berührungspunkte mit Flucht. Entweder mussten sie oder ihre Vorfahren selber einst aus dem Oderbruch fliehen, haben Menschen geholfen, die fliehen mussten oder sind selbst aus anderen Bereichen der Erde in diese Region gekommen, weil sie vertrieben wurden, fliehen mussten, ein anderes Leben wollten.
DDR
Die DDR übernahm das System. Der neue Staat optimierte die Entwässerung mit Technik, Ingenieurskunst, Wissen und zusätzlichen Drainagen. Es gab einen eigenen Beruf, den Meliorationstechniker. Mein Eindruck aus Videos und Interviews ist, dass die Menschen stolz auf ihre Leistungen waren. Sie konnten Wasser steuern. Ist es zu nass, wird der Wasserpegel verringert. Ist es zu trocken, wird Wasser in die Region geleitet. Ein fein abgestimmtes kontrollierbares System aus vielen kleinen Bestandteilen. Und dann der Bruch, die Wende, die Übernahme. Alles ist anders, selbst gewählt und doch von anderen bestimmt. Bildungsabschlüsse aberkannt, die Normen verändert, alles wieder auf Anfang.
Bundesrepublik Deutschland
Bodenreform, Gebietsreform. Landkreisgrenzen ändern sich, Eingemeindungen folgen. Straßennamen verschwinden, werden ersetzt. Adressen änderten sich ohne Umzug. Das Land in dem wir geboren wurden verschwand. Identitäten gleich mit. Unsicherheit. Hoffnung. Enttäuschung. Missverständnisse. Unverständnis. Wiederaufbau des eigenen Lebens, Aufbau eines neuen Zuhauses. 1997 wieder ein Deichbruch, wieder ein Hochwasser, Ein Hochwasser in Einheit. Die Menschen mussten wieder fliehen, wieder ihr Zuhause, ihr Lebenswerk einer anderen Gewalt überlassen. Die Ernte, die Tiere, das Haus, ihre Existenz.
Wieder alles aufbauen, wieder von vorne anfangen.
Und dann kommt Potsdam, die EU, Kriege, Naturschutz, Klimakrise, Preissteigerungen, neue Regeln gemacht von anderen. Wieder Unsicherheit, wieder Sorgen und jetzt dazu noch Wut. Auch eine Art Flut. Eine Flut an Anforderungen, Auseinandersetzung, Abhängigkeiten. Das westdeutsche System noch nicht ganz durchdrungen, das System DDR noch viel weniger. Die Menschen, die entscheiden sind weit weg, die Menschen, die profitieren ebenfalls. Die Menschen, die es jeden Tag sehen, die Konsequenzen tragen sind hier.
Auf diesen Boden treffen dann Themen wie Wiedervernässung, Biodiversität, Artenvielfalt, Vielfalt. Rücksicht nehmen auf alles und alle anderen. Wer nahm oder nimmt Rücksicht auf die Menschen hier, auf das was ihnen wichtig ist, was ihren Werten entspricht? Auf diesen Boden treffen Forderungen von Dritten an die Menschen, die sich ständig neu erfinden, wieder aufbauen, aushalten mussten. Auf Menschen, die im westdeutschen System keine relevante Stimme haben, das Gefühl haben, vergessen worden und nicht verstanden zu sein. Dabei geht es den Menschen rational betrachtet so gut wie kaum einer anderen Gruppe an Menschen auf diesem Planeten. Statistisch gesehen hat sich alles verbessert.
Woher kommt die Wut, die Absolutheit, die Ablehnung, der Widerstand? Braucht es mehr Informationen, Empathie, mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten? Fehlt es an Verständnis für die Empfindungen, die Werte, die Erlebnisse der Menschen hier in einer Region, wo der Blick aus dem Fenster seit Jahrhunderten immer das gleiche zeigt, in der man für sich selbst sorgt, autonom ist und schon so viel verloren, so viel geschafft hat?
Deichbruch. Überflutung. Widerstand. Was jetzt gerade passiert ist eine Neuauflage dessen, was schon so oft im Oderbruch passierte, was es auch ausmacht, wofür die Region das Siegel „Kulturerbe“ erhalten hat. Menschen verändern die Landschaft, um das Leben hier weiter möglich zu machen.
Was ist diesmal anders? Haben die Menschen im Oderbruch diesmal das Gefühl mehr zu verlieren, als zu gewinnen? Ist das Maß an Fremdbestimmung erschöpft? Müssten sie mehr von den aktuell anstehenden Änderungen profitieren? Sind die Interessenkonflikte und der Wunsch nach Selbstbestimmung weitreichender und tiefgreifender als damals?
Meine Ausgangsfrage bleibt unbeantwortet: Was ist schützenswert am Oderbruch?
Zitate
Wir bezahlen ja Schweinepreise für Wärme und Strom.
Vom Aussehen gefallen uns die Dinger nicht.
Wenn ich die sehe und die drehen sich, dann weiß ich, da wird saubere Energie produziert.
Die Dosis macht das Gift.
Ich hätte auch gerne zwei Anlagen auf meinem Acker, dann bräuchte ich mir auf meinem landwirtschaftlichen Betrieb weniger Sorgen machen. Zehn oder Zwanzig streichen den Profit ein, 1400 haben die Entwertung ihrer Häuser und Gesundheitsschäden.
Die Atomkraft muss weg, das ist doch ganz klar. Je öfter Bürgerversammlungen und gemeinsame Diskussionsrunden stattfinden, desto besser wird es anerkannt werden.
Flächige Windenergieanlagen reflektieren im Prinzip den hohen Stromverbrauch, der aktuell herrscht. Das sehen viele nicht und wollen viele nicht.
Leute, die gegen Windkraft protestieren, sind oft konservatives Bürgertum, die ihren Garten schönhalten wollen. Die zunehmende Fremdbestimmtheitder Landschaft kann das Lebensgefühl der Oderbrücher zerstören. Die Nachtsituation stört mich am meisten. Das ist wie eine Diskolandschaft. Atomstrom ist der sauberste und billigste Strom. Solange nichts passiert. Auf Ackerland verbieten! Gute Böden muss man schützen, indem man sie nicht überbaut. Das Dumme ist Energieerzeugung in ländlichen Räumen im Osten – und Verbrauch im Süden.— Die Unvernunft an der Energiewende ist mit Sicherheit die Geschwindigkeit. — Wir müssten viel stärker über Alternativen nachdenken. — Von nichts kommt nichts. — Mein Anliegen also Windkraft ja, aber da wo es hinpasst, nicht in dieser Landschaft. — Diese Leute verdienen wahnsinnig viel Geld damit, deshalb wird das so weitergehen.— Am Erneuerbare-Energien-Gesetz wird ja ständig rumgefummelt – Sie haben ja keine Pla-nungssicherheit mehr. Biogas ist im Großen und Ganzen ausgereizt. Früher Gemüse für Berlin, jetzt eben Energie für Berlin. Bei 50.000 € da fällt jeder um, dann lass es ruhig knattern. Wenn Du kein Geld hast, kannst Du nüscht machen. — Die Planung darf nicht dem Zufall überlassen werden. Biogas, warum nicht? Besser als Atomkraft. Die Netze reichen für die Erneuerbaren nicht aus. Da herrscht sowas wie eine Goldgräberstimmungbei den Windkraftanlagen. Sie stehen vor der modernen Kuh.
https://oderbruchmuseum.de/wp-content/uploads/2025/12/Energie-und-Oderbruch-web.pdf, S.89
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