„Ein Stück weit von Marktzwängen befreit“

Landwirtschaft schrammt an Grenzen. Klimatisch, finanziell und durch alternative Flächennutzung. Einige Menschen machen es anders. Kleiner, näher, direkter und solidarisch. 17 Hektar Fläche für eine stärkere Beziehung zwischen Landwirtschaft und Mensch. Was heißt das genau? Ein Gespräch mit Sonia Bouissef-Rekab Ilyas, Judith Viebach, Katharina Demandt von der Lawine. Von Christian Göritz-Vorhof

Sonia Bouissef-Rekab Ilyas, Judith Viebach, Katharina Demandt sind drei von sieben Mitgliedern des Kollektivs der Lawine. Foto: cgv

Frau Sonia Bouissef-Rekab Ilyas, Frau Judith Viebach, Frau Katharina Demandt, sie sind Bäuer:innen der Solawi-Lawine aus Neuendorf im Sande. Was heißt Solawi und was ist das?
Judith Viebach: Solawi steht für solidarische Landwirtschaft und bedeutet, dass sich Bäuer:innen und Verbraucher:innen zusammenschließen und eine solidarische Verbindung eingehen. Das heißt, dass eine feste Gruppe von Abnehmer:innen – die Solawi Mitglieder – mit einem monatlichen finanziellen Beitrag die Landwirtschaft und Produktion auf dem Hof tragen und dafür wöchentlich die Ernte bekommen. In unserem Fall also jede Woche eine frische Gemüseportion und/oder Ziegenkäse.
Worin genau besteht der solidarische Gedanke?
Katharina Demandt: Dadurch, dass die Mitglieder der Solawi die Abnahme unserer Erzeugnisse garantieren, können wir uns ein Stück weit von den Marktzwängen befreien. Gleichzeitig gibt es in unserer Solawi ein solidarisches Preissystem, sodass sich mehr Menschen unabhängig vom Einkommen frische und ökologische Lebensmittel leisten können. Dabei gibt es keine Festpreise, sondern nur einen Orientierungswert für den monatlichen Beitrag.
Wie hoch ist der monatliche Beitrag und wie ermittelt sich dieser?
Katharina Demandt: Der Beitrag ergibt sich aus dem notwendigen Jahresbudget für den landwirtschaftlichen Betrieb. Aus diesem wird der Betrag für ein Gemüseanteil beziehungsweise Käseanteil errechnet. Ein Gemüseanteil umfasst die Menge an Gemüse für circa zwei bis vier Personen und hat einen Orientierungswert von 118 Euro pro Monat. Das entspricht etwa 12 Euro pro Person pro Woche. Für einen Ziegenkäseanteil haben wir einen Orientierungswert von 48 Euro pro Monat für 2 Personen. Das entspricht etwa 6 Euro pro Person und Woche. Wem ein ganzer Gemüseanteil zu viel ist kann auch nur einen halben Gemüseanteil für 66 Euro abnehmen. Mitglieder können sich aussuchen, ob sie nur Käse oder nur Gemüse bekommen wollen, oder beides.

Die Aufteilung erfolgt auf Vertrauensbasis. Und das funktioniert gut.

Und wie genau funktioniert die Verteilung?
Sonia Bouissef-Rekab Ilyas: Wir liefern jeden Donnerstagnachmittag in unsere regionalen Abholstationen darunter nach Strausberg. Es gibt einen festen Abholzeitraum, von Donnerstag 16:30 Uhr bis Freitagabend 20:00 Uhr. Innerhalb dieses Zeitraums kann jedes Mitglied kommen wann es individuell passt. Dort stehen dann alle Gemüsekulturen in ihren Kisten bereit und jedes Mitglied wiegt sich ihren bzw. seinen Ernteanteil selbst ab. Wir geben eine klare Liste vor, auf der genau steht, wie viel von jedem Gemüse pro Ernteanteil zusteht. Der Käse wird schon in Boxen vorgepackt und eine Box entspricht einem Käseanteil.
Das heißt: die Aufteilung funktioniert auf Vertrauensbasis. Gibt es dabei Probleme und wie wird gewährleistet, dass der oder die letzte beim Abholen nicht leer ausgeht?
Judith Viebach: Viele hatten zunächst Sorge, dass dieses System nicht funktioniert, weil sich die Mitglieder gegenseitig etwas wegnehmen oder zu viel abwiegen könnten. Unsere jahrelange Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass das System gut funktioniert.
Wie viele Abholstationen gibt es und wo befinden sich diese in Märkisch-Oderland?
Sonia Bouissef-Rekab Ilyas: In Märkisch-Oderland haben wir bisher eine Station in Strausberg im soziokulturellen Zentrum in der Horte, in der Peter-Göring-Straße. Ab August eröffnen wir eine weitere in Neuenhagen, im Bürgertreff Neuenhagen / Steremat.
Insgesamt, haben wir derzeit noch vier weitere Abholstationen – eine direkt bei uns auf dem Hof in Neuendorf, zwei weitere sind in Fürstenwalde sowie eine in Heinersdorf. Dabei hat jede Station zwischen 15-30 Mitglieder und sieht überall etwas anders aus und es gibt aufgrund unserer Liefertour abweichende Abholzeiten.
Wie muss man sich die Landwirtschaft vorstellen und seit wann gibt es den Betrieb?
Judith Viebach: Uns gibt es seit 2020, womit wir nun in der siebten Anbausaison sind. Wir arbeiten zertifiziert ökologisch und bewirtschaften insgesamt 17 Hektar Land. Der größere Teil ist Weideland für unsere Ziegenherde, mit deren Milch wir Ziegenkäse produzieren. Die anderen Flächen sind Gemüseacker. Wir arbeiten zudem als Kollektivbetrieb und sind aktuell acht Menschen, die sich um den ganzen Betrieb kümmern. Unser Hof befindet sich nördlich von Fürstenwalde, neben dem Dorf Neuendorf im Sande auf einem Gutshof. 

Mitglieder können freiwillig bei Ackereinsätzen anpacken.

Was bedeutet es Mitglied bei eurer Solawi zu sein?
Katharina Demandt: Als Solawimitglied wird man kein formales Mitglied in einem Verein oder ähnliches, sondern es ist eher ein symbolischer Begriff dafür, dass man Teil der Solawi ist und das Konzept verstanden hat. Am wichtigsten ist natürlich, jede Woche frisches Gemüse und/oder den Käse abzuholen und essen zu können. Nur so können wir eine Landwirtschaft aufbauen, bei der kein Essen auf dem Feld verdirbt oder bei Zwischenhändlern weggeschmissen werden muss. Für uns ist es dabei ein wichtiges Ziel, dass unsere Produkte vor allem regional gegessen werden und nicht alles nach Berlin gefahren wird. Wir wünschen uns, dass wieder eine Beziehung zwischen der Landwirtschaft und den essenden Menschen entsteht. Und natürlich freuen wir uns auch, wenn engagierte Mitglieder Fähigkeiten oder Interessen in die Solawi mit einbringen, das kann ganz individuell entstehen.
Das heißt, neben der Abnahme der Lebensmittel kann man sich noch anders einbringen?

Judith Viebach: Ja, es gibt von Frühling bis zum Herbst, ein bis zwei Mal pro Monat unsere freiwilligen Ackereinsätze. An diesen Tagen können die Mitglieder vorbeikommen und einen Einblick in die Arbeit auf dem Acker bekommen und mit anpacken. Alles freiwillig.
Wie wird kann man Mitglied werden und für wie lange bindet man sich?
Sonia Bouissef-Rekab Ilyas: Ganz einfach über die Anmeldemaske auf unserer Website https://solawi-lawine.de/mitglied-werden/ oder per Email.  Solawi-Mitglied sein ist keine formelle Mitgliedschaft. Nach den ersten zwei Monaten kann man sich auch wieder verabschieden, falls das Modell für einen nicht gut passt. Danach beträgt die Kündigungsfrist zwei Monate, kann jedoch auch mit einer Nachfolge schneller erfolgen.
Infos zur Lawine: https://www.solawi-lawine.de

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