Am 17. Juni 1991 wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag in Bonn unterzeichnet. Vor Ort sind es vor allem die Deutsch-Polnischen Gesellschaften, die sich für Vertrauen, Zusammenhalt und grenzüberschreitende Begegnungen engagieren. DER BLICK sprach mit der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaften (dpgb), Simona Koß und ihrer polnischen Amtskollegin Dr. Aleksandra Burdziej.
„Verständigung entsteht nicht von selbst“
Am 17. Juni 1991 wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag in Bonn unterzeichnet. Vor Ort sind es vor allem die Deutsch-Polnischen Gesellschaften, die sich für Vertrauen, Zusammenhalt und grenzüberschreitende Begegnungen engagieren. DER BLICK sprach mit der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaften (dpgb), Simona Koß und ihrer polnischen Amtskollegin Dr. Aleksandra Burdziej.
Vor 35 Jahren wurde der deutsch-polnische Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Was waren seine wichtigsten Ziele?
Simona Koß: Der Partnerschaftsvertrag von 1991 hat das Fundament für die heutigen deutsch-polnischen Beziehungen gelegt. Nach den historischen Belastungen des 20. Jahrhunderts ging es darum, Vertrauen aufzubauen, die Versöhnung zu vertiefen und die Zusammenarbeit in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu fördern.
Dr. Aleksandra Burdziej: Nach den Erfahrungen von Krieg und deutscher Besatzung sowie nach Jahrzehnten von Misstrauen und Teilung Europas sollte er einen stabilen Rahmen für gute Nachbarschaft, politische Zusammenarbeit und gesellschaftliche Annäherung schaffen.
Wichtig war dabei nicht nur die Ebene der Regierungen. Der Vertrag setzte stark auf Kontakte zwischen den Menschen: auf Jugendaustausch, Städtepartnerschaften, kulturelle und wissenschaftliche Kooperation. Er war also mehr als ein juristisches Dokument. Er war ein politisches Versprechen, dass Deutschland und Polen ihre Zukunft nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander in Europa gestalten wollen.
Welche Erwartungen gab es damals auf deutscher und polnischer Seite?
Koß: Auf beiden Seiten gab es die Hoffnung auf einen Neuanfang. Die Menschen wollten die Trennung Europas überwinden und ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis aufbauen.
Burdziej: Auf polnischer Seite verband man mit dem Vertrag vor allem die Hoffnung auf Anerkennung, Sicherheit und Rückkehr nach Europa. Polen wollte nach 1989 als souveräner, gleichberechtigter Partner wahrgenommen werden – nicht mehr als Objekt fremder Politik, sondern als Subjekt europäischer Gestaltung.
Auf deutscher Seite ging es nach der Wiedervereinigung darum, Vertrauen bei den östlichen Nachbarn aufzubauen und zu zeigen, dass das vereinte Deutschland ein verlässlicher Partner ist. Beide Seiten erwarteten also Normalisierung – aber nicht im Sinne des Vergessens. Vielmehr sollte aus der schwierigen Geschichte heraus eine gemeinsame europäische Zukunft möglich werden.
Welche Entwicklungen hätten Sie sich vor 35 Jahren nicht vorstellen können?
Koß: Vor 35 Jahren hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, wie selbstverständlich die Zusammenarbeit heute geworden ist.
Burdziej: Ich bin Jahrgang 1983, deshalb kann ich diese Frage nicht aus der Perspektive einer erwachsenen Zeitzeugin beantworten. Aber wenn ich an meine Eltern und an die damalige Situation denke, glaube ich, dass sich viele Menschen die heutige Entwicklung Polens kaum hätten vorstellen können.
Polen war Anfang der 1990er Jahre ein Land im Umbruch, mit enormen wirtschaftlichen Problemen, unsicheren Perspektiven und hohen sozialen Kosten der Transformation. Heute ist Polen ein dynamisches, modernes und sicheres Land. Wenn man heute durch Warschau, Danzig, Breslau, Posen oder Toruń geht, sieht man moderne Infrastruktur, renovierte Innenstädte, lebendige Universitäten, Kulturinstitutionen, Unternehmen, Start-ups und eine aktive Zivilgesellschaft.
Ich glaube, viele hätten damals auch nicht erwartet, dass Polen heute für Deutschland nicht nur ein Nachbar, sondern einer seiner wichtigsten wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Partner sein würde. Das verändert die Psychologie der Beziehungen. Die alte asymmetrische Sprache der 1990er Jahre – Deutschland als Mentor, Polen als Land der Transformation – trägt heute nicht mehr. Polen tritt heute selbstbewusster auf, und die deutsch-polnischen Beziehungen müssen lernen, was echte Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet.
Hintergrund
Deutsch-polnische Gesellschaften
Seit 2022 ist Simona Koß Vorsitzende des Bundesverbandes deutsch-polnischer Gesellschaften. Ihre Partnerin auf polnischer Seite ist Dr. Aleksandra Burdziej. Sie ist Vorsitzende der Polnisch-Deutschen-Gesellschaft in Torun.
Die Organisation wurde 1986 unter dem Namen „Arbeitsgemeinschaft deutsch-polnische Verständigung“ gegründet und ist heute Dachverband von über 50 Deutsch-polnischen Gesellschaften mit rund 3700 Mitgliedern.
Wo sehen Sie die größten Erfolge der deutsch-polnischen Zusammenarbeit?
Koß: Der größte Erfolg ist das gewachsene Vertrauen zwischen den Menschen. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass dieses Vertrauen derzeit Belastungen ausgesetzt ist und wieder gestärkt werden muss.
Burdziej: Die größten Erfolge sehe ich auf der lokalen und zivilgesellschaftlichen Ebene. In den letzten 35 Jahren ist ein dichtes Netz von Kontakten entstanden: Städtepartnerschaften, Schul- und Jugendaustausch, Hochschulkooperationen, Kulturprojekte, Stiftungen, Vereine, Deutsch-Polnische und Polnisch-Deutsche Gesellschaften. Diese Strukturen sind vielleicht nicht immer spektakulär, aber sie sind das stabile Fundament der Beziehungen.
Gerade wenn es politisch schwieriger wird, zeigt sich, wie wichtig diese Ebene ist. Bürgermeisterinnen, Lehrer, Vereinsmitglieder, Studierende, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen und viele engagierte Bürger arbeiten weiter zusammen. Sie kennen einander persönlich, sie können Konflikte aushalten, und sie lassen sich nicht so leicht von tagespolitischen Spannungen entmutigen.
Ein zweiter großer Erfolg ist die wirtschaftliche Verflechtung. Deutschland ist seit vielen Jahren der wichtigste Handelspartner Polens, und Polen gehört heute zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Das bedeutet: Wir sind längst nicht mehr nur Nachbarn. Wir sind Partner, deren Wohlstand, Sicherheit und Zukunft eng miteinander verbunden sind.
Gerade deshalb stehen wir jetzt vor einer neuen Aufgabe. Die Beziehungen müssen sich weiter normalisieren – aber nicht im Sinne einer Banalisierung der Geschichte, sondern im Sinne einer reifen Partnerschaft. Wir brauchen weniger paternalistische Reflexe, weniger symbolische Rhetorik und mehr konkrete gemeinsame Projekte.
„Die über Jahrzehnte gewachsene
Offenheit wird auf die Probe gestellt“
Welche Rolle spielen die Deutsch-Polnischen Gesellschaften heute?
Koß: Die Deutsch-Polnischen Gesellschaften sind wichtige Brückenbauer. Gerade in einer Zeit, in der Vertrauen nicht mehr selbstverständlich ist, schaffen wir Begegnungen und halten den Dialog aufrecht.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen derzeit?
Koß: Eine aktuelle Herausforderung sind die wieder eingeführten Grenzkontrollen. Die über Jahrzehnte gewachsene Offenheit wird auf die Probe gestellt. Wir müssen auf beiden Seiten der Oder wieder stärker daran arbeiten, Vertrauen zu festigen und weiterzuentwickeln.
Wie können jüngere Generationen gewonnen werden?
Koß: Durch Austauschprogramme, Kultur, Sport und persönliche Begegnungen. Wer das Nachbarland erlebt, entwickelt Verständnis und baut Vorurteile ab.
Welche Projekte waren besonders erfolgreich?
Koß: Besonders erfolgreich sind Projekte, die Menschen direkt zusammenbringen: Jugendbegegnungen, Städtepartnerschaften, Kultur- und Bildungsprojekte.
Wie hat die deutsch-polnische Zusammenarbeit die Region verändert?
Koß: Märkisch-Oderland hat sich von einer Randregion zu einer europäischen Verbindungsregion entwickelt.
Welche Vorteile ergeben sich konkret?
Koß: Die Menschen profitieren von wirtschaftlichen Chancen, kulturellem Austausch und persönlichen Begegnungen.
Welche gemeinsamen Projekte haben die Region nachhaltig geprägt?
Koß: Besonders prägend war und ist Schloss Trebnitz als Bildungs- und Begegnungszentrum. Tausende Jugendliche, Ehrenamtliche und Fachkräfte haben dort Erfahrungen gesammelt, die weit über einzelne Projekte hinauswirken.
Aber nicht nur die großen Einrichtungen prägen unsere Region. Genauso wichtig sind kleinere Begegnungen wie das deutsch-polnische Kräuterfest an der Dorfkirche Prädikow. Solche Veranstaltungen bringen Menschen ganz selbstverständlich zusammen und machen deutsch-polnische Zusammenarbeit im Alltag erlebbar.
Wie erleben junge Menschen die Nachbarschaft?
Koß: Für viele junge Menschen ist die Grenze längst kein Hindernis mehr.
Welche Chancen bietet die Grenzregion?
Koß: Die Grenzregion kann Modellregion für Europa sein. Die Zukunft liegt in Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen.
„Viele Deutsche wissen noch immer
zu wenig über Polen“
Frau Dr. Burdziej, wie wird die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen in Polen wahrgenommen?
Burdziej: In Polen werden die deutsch-polnischen Beziehungen heute deutlich selbstbewusster wahrgenommen als noch vor 20 oder 30 Jahren. Polen sieht sich immer stärker als Partner Deutschlands – nicht als Bittsteller, nicht als „kleiner Bruder“, nicht als Land, das nur lernen oder aufholen muss. Vor allem jüngere Generationen treten heute mit einer Selbstverständlichkeit auf, die frühere Asymmetrien zunehmend relativiert. Sie reisen, studieren, arbeiten international, sprechen Sprachen und sehen keinen Grund, warum sie unbedingt aus Polen weggehen sollten. Für viele junge Menschen lebt es sich in Polen einfach gut.
Gleichzeitig gibt es weiterhin große Herausforderungen. Eine davon sind Wissenslücken auf beiden Seiten, aber besonders in Deutschland. Viele Deutsche wissen noch immer zu wenig über Polen: über seine Geschichte, seine politische Kultur, seine Erfahrungen mit deutscher Besatzung, Kommunismus und Transformation. Dieses fehlende Wissen ist nicht nur ein Bildungsproblem, sondern auch ein politisches Problem, weil Unwissenheit schnell zu Stereotypen führt.
Aus polnischer Sicht ist deshalb entscheidend, dass Deutschland die Veränderung Polens mental nachvollzieht. Polen ist heute wirtschaftlich dynamisch, technologisch modern und sicherheitspolitisch ein Schlüsselstaat an der Ostflanke Europas. Wenn man das ernst nimmt, sieht man auch die ungenutzten Potenziale: in der Infrastruktur, im Jugendaustausch, in der Wissenschaft, in der Energiepolitik, in der Sicherheitspolitik und in der gemeinsamen Verantwortung für die Ukraine und für Europa.
Welche Themen beschäftigen die Mitglieder Ihrer Gesellschaften aktuell besonders?
Burdziej: Unsere Mitglieder beschäftigen einerseits sehr praktische Fragen: Wie konzipieren wir ein gutes Projekt? Woher bekommen wir Fördermittel? Wie erreichen wir junge Menschen? Wie schaffen wir Formate, die nicht nur wichtig, sondern auch attraktiv sind?
Inhaltlich ist Geschichte weiterhin sehr präsent, vor allem bei älteren Mitgliedern. Das ist verständlich, denn die deutsch-polnische Geschichte ist nicht abgeschlossen. Familiengeschichten, lokale Erinnerungen und Kriegserfahrungen wirken bis heute nach. Gleichzeitig brauchen jüngere Generationen oft andere Zugänge. Sie kommen nicht unbedingt zu einem klassischen Vortrag über Geschichte. Sie wollen Menschen kennenlernen, etwas gemeinsam erleben, reisen, diskutieren, Musik hören, tanzen, ein Wochenende zusammen verbringen, neue Orte entdecken.
Deshalb versuchen wir, ernsthafte Themen mit attraktiven Formen des Zusammenseins zu verbinden. Ein gutes Beispiel dafür sind die Göttingen-Thorner Gespräche, die 2019 als kleines Seminar begonnen haben und inzwischen zu einem festen deutsch-polnischen Begegnungsformat geworden sind. 2026 fand bereits die siebte Ausgabe statt. Auch bei unseren Kongressen verbinden wir fachliche Diskussionen mit persönlichen Begegnungen, kulturellen Programmen und festlichen Abenden. Denn Dialog braucht nicht nur Argumente, sondern auch Vertrauen, Sympathie und gemeinsame Erfahrungen.
Wo sehen Sie noch ungenutzte Potenziale der Zusammenarbeit?
Burdziej: Ich sehe noch Potenzial in einer noch stärkeren Vernetzung der lokalen Polnisch-Deutschen und Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Natürlich sind diese Gesellschaften bereits miteinander verbunden, und es gibt seit Jahren viele gute Kontakte. Aber man könnte diesen Austausch noch systematischer gestalten: durch gemeinsame Formate, einen besseren Transfer guter Ideen, gegenseitige Beratung und mehr Sichtbarkeit für das, was lokal bereits sehr erfolgreich geschieht.
Auf der Ebene der Landesverbände und Dachstrukturen wünsche ich mir zugleich mehr Integration, Offenheit und Mut. Wir sollten gemeinsam darüber nachdenken, wie sich die Idee der Polnisch-Deutschen und Deutsch-Polnischen Gesellschaften im 21. Jahrhundert weiterentwickeln lässt. Die klassische Vereinsarbeit bleibt wichtig, aber sie muss durch neue Formen ergänzt werden: flexiblere Projekte, offenere Netzwerke, neue Kommunikationsformen, Formate, die auch Menschen erreichen, die sich nicht sofort dauerhaft an einen Verein binden möchten.
In diesem Zusammenhang bin ich sehr dafür, die Zusammenarbeit breit zu denken. Wir sollten nicht nur innerhalb der bestehenden Gesellschaften bleiben, sondern auch andere Institutionen, Initiativen, Stiftungen, Schulen, Universitäten, Medien und zivilgesellschaftliche Akteure einbeziehen, die sich im weitesten Sinne mit dem deutsch-polnischen Dialog beschäftigen. In der Synergie liegt eine große Kraft. Wenn wir unsere Erfahrungen, Kontakte und Ressourcen bündeln, können daraus ganz neue Ideen entstehen.
Ein großes, noch nicht ausgeschöpftes Potenzial sehe ich auch in den nächsten Generationen. Meine Erfahrung ist: Junge Menschen wollen sich engagieren – aber nur dann, wenn sie nicht einfach fertige Formate übernehmen sollen. Sie wollen Dinge auf ihre Weise machen, mit ihren Themen, ihrer Sprache, ihren Medien und ihrem Tempo. Dafür müssen wir offen sein. Wir müssen genauer zuhören, was junge Menschen wirklich interessiert, und ihnen auch Vertrauen geben. Wenn uns das gelingt, können die Gesellschaften nicht nur überleben, sondern sich tatsächlich erneuern.
Welche Bedeutung haben persönliche Begegnungen und Städtepartnerschaften?
Burdziej: Persönliche Begegnungen und Städtepartnerschaften haben eine stabilisierende Funktion. Wenn die politische Atmosphäre schwierig ist, bleiben diese Kontakte oft bestehen. Vereine, Schulen, Städte und Universitäten arbeiten weiter, auch wenn Regierungen streiten. Das ist ein großer Wert.
Ich glaube sehr an die Kraft persönlicher Beziehungen. Je mehr deutsch-polnische Freundschaften, Partnerschaften, Ehen, Studienerfahrungen, gemeinsame Projekte und Nachbarschaften es gibt, desto schwieriger werden Feindbilder. Persönliche Bindungen schaffen eine Art zivilgesellschaftliche Sicherheitsstruktur.
Natürlich lösen Begegnungen nicht alle politischen Probleme. Aber sie verändern die Wahrnehmung. Der „Deutsche“ oder die „Polin“ ist dann keine abstrakte Figur mehr, sondern ein konkreter Mensch mit Namen, Stimme, Humor, Familie und Geschichte. Das ist der Anfang jeder wirklichen Verständigung.
„Eine ehrliche Freundschaft braucht Erinnerung,
weil sie sonst oberflächlich bleibt“
Frau Dr. Burdziej, Sie sind Vorsitzende der Polnisch-Deutschen-Gesellschaft in Torun. Welche Bedeutung haben deutsch-polnische Partnerschaften für eine traditionsreiche Stadt wie Toruń?
Burdziej: Toruń ist eine traditionsreiche, europäische Stadt mit einer komplexen Geschichte, einer starken Universität und einem sehr lebendigen Kulturleben: Jedes Jahr finden hier zahlreiche Festivals und zyklische Kulturveranstaltungen statt – von Film, Musik und Literatur bis zu Wissenschaft, Theater und Lichtkunst. Das zieht jedes Jahr mehr Gäste aus aller Welt an – auch aus Deutschland.
Toruń und Göttingen verbindet nicht nur eine formale Städtepartnerschaft, sondern eine über Jahrzehnte gewachsene Zusammenarbeit: zwischen den Städten, den Universitäten, den Partnerschaftsgesellschaften, Kulturinstitutionen und einzelnen Menschen. Für viele Menschen aus Toruń war Göttingen ein wichtiger Ort der Begegnung, des Studiums, der Forschung und der persönlichen Erfahrung.
Wir sind Göttingen bis heute sehr dankbar. Diese Partnerschaft begann bereits 1978, also noch in der Zeit des Kommunismus, und hatte für Toruń von Anfang an eine besondere Bedeutung. Es ging nicht nur um offizielle Kontakte zwischen zwei Städten, sondern auch um konkrete zivilgesellschaftliche, akademische und menschliche Unterstützung – etwa durch Stipendien, persönliche Begegnungen und langfristige Kontakte. Gerade in den 1980er Jahren war das für viele Menschen in Toruń ein wichtiges Fenster nach Westen.
Wie werden deutsche Gäste und Partner in Toruń wahrgenommen?
Burdziej: Deutsche Gäste und Partner werden in Toruń in der Regel sehr herzlich wahrgenommen – oft wirklich als Freunde. Das hat viel mit der langen und bewährten Städte- und Gesellschaftspartnerschaft zu tun. Wenn Kontakte über Jahre gepflegt werden, entsteht Vertrauen. Man trifft sich nicht mehr als Fremde, sondern als Menschen, die schon eine gemeinsame Geschichte haben.
Natürlich ist auch in Toruń die historische Erinnerung präsent. Aber gerade deshalb sind gute Begegnungen so wichtig. Sie zeigen, dass Erinnerung und Freundschaft kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil: Eine ehrliche Freundschaft braucht Erinnerung, weil sie sonst oberflächlich bleibt.
Welche kulturellen und wissenschaftlichen Kooperationen haben sich besonders bewährt?
Burdziej: Besonders bewährt haben sich sehr unterschiedliche Formen der kulturellen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit. Ein herausragendes Beispiel ist natürlich der Samuel-Bogumił-Linde-Preis, der von Toruń und Göttingen jedes Jahr gemeinsam verliehen wird, abwechselnd in Toruń und Göttingen. Er zeigt auf wunderbare Weise, wie Literatur Brücken bauen kann: Der Preis ehrt deutsche und polnische Autorinnen und Autoren, deren Werk zum Gespräch zwischen beiden Gesellschaften beiträgt.
Sehr wichtig sind auch die Stipendien, die akademischen Kontakte sowie der Austausch zwischen Schulen und Universitäten. Für viele Studierende, Schülerinnen, Wissenschaftlerinnen und Lehrende war ein Aufenthalt in Göttingen oder Toruń prägend – solche Erfahrungen wirken oft ein Leben lang. Dazu kommen zahlreiche weitere Formate, die über Jahre gewachsen sind: die von beiden Städten unterstützten Bürgerreisen, bei denen Torunerinnen und Toruner Göttingen besuchten und Göttingerinnen und Göttinger nach Toruń kamen, fotografische Pleinairs, kulturelle Begegnungen, Ausstellungen und viele persönliche Kontakte.
In den letzten Jahren haben sich zudem die Göttingen-Thorner Gespräche zu einem wichtigen Format entwickelt. Auch sie finden jedes Jahr abwechselnd in Toruń und Göttingen statt. Sie verbinden Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik, Medien und Kultur. Wir sprechen dort über Themen, die für beide Gesellschaften relevant sind: Erinnerung, Demokratie, Medien, Desinformation, Zivilgesellschaft und europäische Verantwortung. Gerade diese Verbindung von ernsthafter Debatte, persönlicher Begegnung und gewachsener Partnerschaft ist für mich gelebte Städtepartnerschaft im besten Sinne.
Welche Rolle spielen Geschichte und gemeinsames europäisches Erbe für die Beziehungen?
Burdziej: Auf diese Frage würde ich eher allgemein antworten – nicht nur mit Blick auf Toruń und Göttingen, sondern auf die deutsch-polnischen Beziehungen insgesamt. Denn Geschichte ist in diesem Verhältnis kein lokales Detail, sondern eine grundlegende Dimension der Nachbarschaft.
Also: Geschichte spielt weiterhin eine große Rolle – vielleicht eine größere, als wir es uns manchmal wünschen würden. Auf polnischer Seite wird das dunkelste Kapitel der deutsch-polnischen Nachbarschaft, also der deutsche Angriff auf Polen und die deutsche Besatzung, vielfach nicht als abgeschlossen empfunden. Das betrifft nicht nur Historikerinnen und Historiker. Es betrifft Familiengeschichten, lokale Erinnerungen, zerstörte Städte, ermordete Angehörige und das Gefühl, dass deutsches Wissen über polnisches Leid lange unzureichend war.
In Polen zeigen Umfragen und öffentliche Debatten seit Jahren, dass die Frage von Wiedergutmachung, Anerkennung und symbolischer Gerechtigkeit keineswegs nur ein Thema einzelner politischer Milieus ist. Sie ist gesellschaftlich breiter verankert, über Generationen und politische Lager hinweg. Für die deutsch-polnischen Beziehungen wäre es deshalb wichtig, dass Deutschland diese Sensibilität ernst nimmt. Wenn es etwa um Unterstützung für die letzten noch lebenden Opfer der deutschen Besatzung geht, sollte Deutschland nicht zögern. Aus polnischer Perspektive wirkt ein solches Zögern fatal – gerade weil es sich heute um eine immer kleiner werdende Gruppe sehr alter Menschen handelt.
Gleichzeitig sehe ich auch positive Veränderungen. Das temporäre Denkmal für die polnischen Opfer in Berlin ist ein wichtiges Zeichen, und der Beschluss, einen dauerhaften Gedenkort zu errichten, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich habe den Eindruck, dass sich im deutschen Erinnern derzeit tatsächlich etwas bewegt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in Deutschland viele bisherige Gewissheiten erschüttert: den Blick auf Mittel- und Osteuropa, das Verhältnis zu Russland, die Bewertung der eigenen Ostpolitik und auch die Frage, welche Opfergeschichten im deutschen Gedächtnis sichtbar sind – und welche lange zu wenig sichtbar waren.
Für mich ist entscheidend: Gemeinsames europäisches Erbe darf nicht bedeuten, schwierige Geschichte zu glätten. Es bedeutet, sie ehrlich zu erzählen – und daraus eine gemeinsame Verantwortung für die Zukunft abzuleiten. Erinnerung ist dann keine Last, die Zusammenarbeit verhindert, sondern eine Voraussetzung für Vertrauen.
Welche gemeinsamen Zukunftsprojekte könnten von Toruń ausgehen?
Burdziej: Von Toruń könnten natürlich viele Projekte ausgehen, gerade weil die Stadt Geschichte, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft sehr gut miteinander verbindet. Mir persönlich wäre es wichtig, bestehende Formate weiterzuentwickeln – darunter auch die Göttingen-Thorner Gespräche, die sich in den letzten Jahren zu einem lebendigen Ort deutsch-polnischer Debatte entwickelt haben.
Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen (und darüber haben wir schon im Vorstand unserer Thorner Gesellschaft diskutiert), unseren Gesprächen künftig begleitende Werkstätten für junge Menschen zur Seite zu stellen. Eine Gruppe von Studierenden aus Toruń und Göttingen könnte parallel zu den Diskussionen zwei Tage lang gemeinsam an einem konkreten Projekt arbeiten – unter professioneller Anleitung, etwa im Bereich Film, Theater, Podcast, Fotografie, Kochen oder Stadtgeschichte. Am Ende könnte etwas entstehen, das man dem Publikum präsentiert: ein kurzer Film, eine kleine Performance, ein gemeinsames Essen, eine Ausstellung oder ein anderes kreatives Ergebnis.
Das würde die Gespräche noch stärker für junge Menschen öffnen – nicht als Publikum, sondern als Mitgestaltende. Genau solche Formate könnten die Partnerschaft Toruń–Göttingen in die nächste Generation tragen.
„Vertrauen gilt es auch in Zukunft
gemeinsam zu bewahren“
Was bedeutet deutsch-polnische Freundschaft für Sie persönlich?
Koß: Vertrauen, Respekt und die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für Europa zu übernehmen.
Burdziej: Für mich ist deutsch-polnische Freundschaft nichts Abstraktes. Wenn ich an deutsch-polnische Freundschaft denke, denke ich an konkrete Menschen – an meine deutschen Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Partnerinnen und Partner in Göttingen, Berlin, Würzburg, Konstanz und vielen anderen Orten. Diese Freundschaften sind für mich sehr real.
Gleichzeitig ist deutsch-polnische Freundschaft für mich – über meine persönlichen Beziehungen hinaus – auch eine Aufgabe. Ich bin die Enkelin meiner Großmutter, deren Familie während des Krieges sehr viel Grausames von Deutschen erlebt hat. Deshalb ist deutsch-polnische Freundschaft für mich nicht selbstverständlich. Sie ist etwas, das nach dem Ausmaß der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg eigentlich fast unwahrscheinlich erscheint – und gerade deshalb so wertvoll ist.
Freundschaft bedeutet für mich Vertrauen, Zusammenarbeit und Gespräch auf Augenhöhe. Sie bedeutet aber nicht, dass man schwierige Themen vermeidet. Im Gegenteil: Wahre Freundschaft hält Wahrheit aus. Sie erlaubt, über Schmerz, Schuld, Anerkennung und Verantwortung zu sprechen – ohne die Beziehung zu zerstören.
Gibt es eine prägende Erfahrung?
Koß: Die vielen Begegnungen mit Menschen aus beiden Ländern haben mir gezeigt, wie schnell aus Begegnungen Freundschaften werden. Aus Nachbarn sind Partner und vielerorts Freunde geworden – und genau dieses Vertrauen gilt es auch in Zukunft gemeinsam zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Burdziej: Es gab mehrere Erfahrungen, die mich sehr geprägt haben. Eine davon war mein Stipendium der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen während meines Germanistik-Studiums. Mein Doktorvater – Prof. Leszek Żyliński – hatte mich damals nach Göttingen geschickt, und die Art und Weise, wie ich dort empfangen wurde, hat mich tief beeindruckt. Viele dieser Freundschaften pflege ich bis heute. Ich habe damals erlebt, was zivilgesellschaftliches Engagement konkret bedeuten kann: nicht große Worte, sondern Gastfreundschaft, Zeit, Aufmerksamkeit und echtes Interesse. Nach meiner Rückkehr habe ich beschlossen, mich für die Polnisch-Deutsche Gesellschaft in Toruń zu engagieren.
Wichtig war für mich auch mein Forschungsaufenthalt an der Universität Konstanz während meiner Promotion. Ich war dort mit einem Stipendium des Nationalen Wissenschaftszentrums aus Polen, und Prof. Aleida Assmann hat mich während dieses Aufenthalts wissenschaftlich betreut. Sie hat mein Projekt sehr wohlwollend unterstützt, mir wichtige Hinweise gegeben, und ich habe aus den Gesprächen mit ihr unglaublich viel mitgenommen.
Damals arbeitete ich an meiner Dissertation über Familiengedächtnis und die Identität der deutschen Enkelgeneration. Durch Aleida Assmann habe ich noch einmal anders verstanden, wie Erinnerung funktioniert – nicht nur als privates Erinnern, sondern auch als etwas, das Gesellschaften prägt. Für mein Nachdenken über die deutsch-polnischen Beziehungen war das sehr wichtig. In Konstanz hatte ich außerdem die Gelegenheit, auch Prof. Jan Assmann kennenzulernen, den berühmten Ägyptologen und Mitbegründer der Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Das waren Begegnungen, die mich wissenschaftlich wirklich geprägt haben.
Und schließlich war meine Großmutter Maria Daniel sehr wichtig für mich – gemeinsam haben wir ihre Erinnerungen aus der Kriegszeit als Buch veröffentlicht: „Erinnerungen aus der Kriegszeit 1939–1945“. Meine Familiengeschichte hat mich schon stark geprägt, aber ich habe irgendwann beschlossen, daraus nicht Bitterkeit entstehen zu lassen, sondern Engagement. Ich wollte versuchen, aus dieser schwierigen Geschichte etwas Gutes zu machen.
Welche Wünsche haben Sie für die nächsten 35 Jahre?
Burdziej: Ich wünsche mir, dass unsere Polnisch-Deutschen und Deutsch-Polnischen Gesellschaften lebendig bleiben und sich zugleich neu erfinden. Viele dieser Organisationen haben eine große Tradition, aber sie dürfen nicht nur von Erinnerung leben. Sie müssen neue Formate entwickeln, neue Menschen ansprechen und auf eine sich schnell verändernde Welt reagieren.
Ich wünsche mir, dass jüngere Generationen den Staffelstab übernehmen – aber auf ihre Weise. Vielleicht werden sie andere Themen setzen, andere Medien nutzen, andere Formen des Engagements wählen. Das ist richtig und notwendig.
Und für die deutsch-polnischen Beziehungen insgesamt wünsche ich mir, dass die deutsch-polnische Zusammenarbeit konkreter, pragmatischer und mutiger wird. Weniger Belehrung, mehr Zuhören. Weniger Angst vor schwierigen Themen, mehr Vertrauen, dass wir sie gemeinsam besprechen können. Und vor allem: mehr große, wichtige, gemeinsame Projekte, die zeigen, dass Partnerschaft nicht nur eine schöne Formel ist, sondern eine Praxis.
Koß: Ich wünsche mir, dass das Vertrauen zwischen unseren Gesellschaften weiter wächst. Dazu gehören auch konkrete Verbesserungen im Alltag. Deshalb wünsche ich mir, dass die Ostbahn als wichtige deutsch-polnische Verkehrsachse in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wird und ihr weiterer Ausbau konsequent vorangetrieben wird. Die Ostbahn ist eine Lebensader unserer Grenzregion und ein Symbol dafür, wie Europa im Alltag zusammenwächst.
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