Die künstlich erschaffene, trocken gelegte Region ringt um seine Identität. Dabei geht es um Familiengeschichten, Anpassung, Veränderungen, um den Umgang mit Wasser, Wind, Sonne und Erde. Was macht die Region aus? Ist es die stete Veränderbarkeit an sich? Ein Versuch des Verstehens.
„Konkreter Mehrwert für Altfriedland und die Region“
Rettung in letzter Sekunde: das Gutshaus in Altfriedland stand vor dem endgültigen Verfall. Dann übernahm es Familie von Oppen. Und obwohl noch immer Spuren des jahrzehntelangen Verfalls deutlich sichtbar sind, mausert sich das alte Gebäude in Altfriedland zu einem „Gutshaus der Zukunft“. Diese soll hier aktiv gestaltet werden. Ein Interview mit Christian von Oppen. Von Christian Göritz-Vorhof
Herr von Oppen, worum handelt es sich beim Projekt „Gutshaus der Zukunft“ im Kern?
Christian von Oppen: Im Kern geht es darum, ein fast 300 Jahre altes Gutshaus, das rund 30 Jahre leer stand, zu retten und ihm eine neue Zukunft zu geben. Dabei wollen wir nicht einfach nur ein Denkmal sanieren. Ein historisches Gebäude kann langfristig nur erhalten werden, wenn es wieder eine Aufgabe bekommt. Deshalb entwickeln wir das Gutshaus zu einem offenen Ort für Kultur, Bildung, Begegnung, Arbeiten und Erholung. Uns interessiert dabei besonders die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft: Wir bewahren historische Substanz und fragen gleichzeitig, welchen Beitrag ein solcher Ort heute für ein Dorf und eine ländliche Region leisten kann.
Ein paar Worte zu Ihnen und Ihrem Team – wie kamen Sie zu dem Projekt?
Christian von Oppen: Für mich hat das Projekt zunächst eine sehr persönliche und familiäre Geschichte. Mein Vater wurde 1936 in diesem Haus geboren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie im Zuge der Bodenreform enteignet. Die Familie verließ schließlich die sowjetische Besatzungszone und ging nach Westdeutschland. Der Bezug zu Altfriedland ist aber nie ganz abgerissen. Auch während der deutschen Teilung war meine Familie immer wieder im Osten und hat den Kontakt zur alten Heimat gehalten. Seit 2010 haben wir selbst eine Ferienwohnung in Altfriedland. Dadurch waren wir wieder sehr regelmäßig hier und mussten über die Jahre mit ansehen, wie das Gutshaus immer weiter verfiel.
Irgendwann war für uns klar: Wenn dieses Haus noch eine Zukunft haben soll, muss etwas passieren. Wir haben deshalb den damaligen Eigentümer in der Schweiz angesprochen. Interessanterweise gab es schnell eine gemeinsame Vorstellung davon, dass das Haus eine neue, öffentliche und gemeinwohlorientierte Aufgabe bekommen sollte.
2021 haben wir es schließlich übernommen und dafür die gemeinnützige Gutshaus der Zukunft Altfriedland gGmbH gegründet. Am Anfang ging es ganz pragmatisch um die Rettung des Gebäudes. Der Zustand war wirklich kritisch. Aber sehr schnell kam die nächste Frage: Wenn wir so viel Energie in die Rettung dieses Hauses stecken – wofür soll es dann in Zukunft eigentlich da sein?
Daraus ist Schritt für Schritt die Idee des „Gutshaus der Zukunft“ entstanden. Die Familiengeschichte ist also ein wichtiger Ausgangspunkt des Projekts – aber unser Blick richtet sich ganz bewusst nach vorne. Wir wollen keinen früheren Zustand wiederherstellen, sondern dem Haus eine neue Aufgabe geben. In unserem Team kommen dafür ganz unterschiedliche Erfahrungen zusammen – von Architektur und Gemeinnützigkeitsexpertise über Kultur und Kommunikation bis hin zu Wirtschaft und Projektentwicklung. Vieles wird bis heute durch großes persönliches und ehrenamtliches Engagement getragen.
„Aus einem vermeintlichen Problem kann
wieder eine Ressource für eine ganze Region werden.“
Welche Motivation liegt hinter Ihrem Engagement?
Christian von Oppen: Mich fasziniert vor allem die Verbindung von Bewahren und Neudenken. Gerade im ländlichen Raum gibt es viele historische Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Gleichzeitig fehlen vielerorts Räume für Begegnung, Kultur, gemeinsames Arbeiten oder gesellschaftlichen Austausch.
Genau darin liegt für mich die Chance: Aus einem vermeintlichen Problem – einem großen leerstehenden Denkmal – kann wieder eine Ressource für eine ganze Region werden. Wir wollen deshalb nicht die Vergangenheit rekonstruieren, sondern Geschichte als Ausgangspunkt für etwas Neues nutzen.
Und welche Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt?
Christian von Oppen: Auf unserer Website haben wir sechs zentrale Ziele formuliert: historische Verantwortung, Klimaschutz, dörfliche Entwicklung, Raum für Erholung, wirtschaftliche Impulse und Modellcharakter für den ländlichen Raum. Diese Ziele gehören für uns zusammen. Natürlich steht zunächst der Erhalt des Denkmals im Mittelpunkt. Gleichzeitig wollen wir das Gebäude möglichst nachhaltig entwickeln und ihm eine Nutzung geben, die einen konkreten Mehrwert für Altfriedland und die Region schafft. Langfristig soll das Gutshaus ein lebendiger und wirtschaftlich tragfähiger Ort werden – mit Veranstaltungen, Seminaren, Kultur, Gästezimmern, Coworking und Angeboten für die Region. Und wenn das funktioniert, kann das Gutshaus der Zukunft vielleicht auch anderen Orten zeigen, wie sich historische Bausubstanz im ländlichen Raum neu beleben lässt.
Auf Ihrer Website beschreiben Sie zahlreiche Teilprojekte. Wie gehören diese zum Gesamtprojekt?
Christian von Oppen: Wir haben relativ früh gesagt: Wir wollen nicht jahrelang hinter einem Bauzaun verschwinden und erst wieder öffnen, wenn alles fertig ist. Deshalb nutzen wir das Gutshaus bereits während der Sanierung. Daraus sind ganz unterschiedliche Formate entstanden – Ausstellungen, Kino, Konzerte, Workshops, die Altfriedländer Gespräche und auch das „Gutshaus der Demokratie“. Für uns sind das keine voneinander losgelösten Einzelprojekte. Sie sind vielmehr ein Reallabor für die spätere Nutzung. Wir können ausprobieren, welche Formate funktionieren, welche Menschen wir erreichen und welche Rolle das Gutshaus für die Region übernehmen kann. Wir sanieren also das Gebäude und entwickeln gleichzeitig schon seine zukünftige Identität.
Das Haus soll nach der Sanierung
wirtschaftlich möglichst auf eigenen Beinen stehen
Wer trägt beziehungsweise finanziert das Projekt?
Christian von Oppen: Ein Projekt dieser Größenordnung lässt sich nur mit vielen Partnern realisieren. Die Sanierung wird deshalb aus unterschiedlichen Quellen finanziert: durch Förderprogramme von Land, Bund und Europäischer Union, durch Stiftungen, Spenden und eigene Mittel. Darüber hinaus haben wir einen Freundeskreis zur Förderung des Gutshauses ins Leben gerufen, um unsere gGmbH finanziell oder ideell zu unterstützen.
Wir sind sehr dankbar, dass inzwischen viele Partner die Entwicklung des Gutshauses unterstützen. Gleichzeitig ist unser Ziel, dass das Haus nach der Sanierung wirtschaftlich möglichst auf eigenen Beinen stehen kann. Gästezimmer, Seminare, Veranstaltungen, Coworking und weitere Angebote sollen Einnahmen erwirtschaften, aus denen Betrieb und langfristiger Erhalt mitfinanziert werden. Fördermittel ermöglichen also die Wiederherstellung – die spätere Nutzung soll die Zukunft des Hauses sichern.
Welchen Zeithorizont haben Sie sich gesetzt – und wie kommen Sie voran?
Christian von Oppen: Bei einem fast 300 Jahre alten Gebäude muss man lernen, in Etappen zu denken. Als wir 2021 begonnen haben, ging es zunächst darum, den weiteren Verfall zu stoppen und akut gefährdete Bereiche zu sichern. Seitdem arbeiten wir uns Schritt für Schritt durch das Gebäude. Teile der Gebäudehülle sind bereits saniert beziehungsweise gesichert, weitere große Bauabschnitte stehen an. Das wichtigste Zwischenziel ist zunächst eine vollständig gesicherte Gebäudehülle. Dieses werden wir voraussichtlich bis Ende 2027 erreichen. Danach kann der Innenausbau schrittweise folgen.
Natürlich wünschen wir uns, möglichst schnell voranzukommen. Aber Denkmalschutz, Förderverfahren und die Überraschungen eines historischen Gebäudes lassen sich nicht immer exakt terminieren. Deshalb verfolgen wir bewusst einen schrittweisen Entwicklungsprozess – und nutzen das Gutshaus parallel schon heute.
Wir wollen gesellschaftliche Themen möglichst niedrigschwellig
in den Alltag bringen.
Ein Bauzaun ist dafür erstaunlich gut geeignet.
Wie wurde und wird das Engagement in der Gemeinde wahrgenommen?
Christian von Oppen: Das Projekt wird in der Gemeinde positiv aufgenommen. Das Gutshaus ist ein prägendes Gebäude im Ort und viele Menschen haben eine persönliche Geschichte. So haben viele Altfriedländerinnen und Altfriedländer in der DDR Zeit im Gutshaus gewohnt, es war hier ein Konsum untergebracht und der Rat der Gemeinde. Deshalb ist uns wichtig, das Haus regelmäßig zu öffnen und Menschen einzubeziehen. Bei Veranstaltungen erleben wir viel Unterstützung – durch Vereine, die Feuerwehr, Ehrenamtliche oder Menschen, die einfach mit anpacken.
Gleichzeitig gehört es zu einem solchen Prozess, dass es auch mal unterschiedliche Meinungen gibt. Für mich ist entscheidend, darüber im Gespräch zu bleiben. Unser Ziel ist, dass das Gutshaus langfristig nicht als ein abgeschlossenes Projekt wahrgenommen wird, sondern als offener Ort, der zum Dorf und zur Region gehört und deren Entwicklung unterstützt.
Sie zeigen immer wieder Ausstellungen und Banner an Bauzäunen – etwa zu Europa oder zum Grundgesetz. Welche Idee steckt dahinter?
Christian von Oppen: Wir wollen gesellschaftliche Themen möglichst niedrigschwellig in den Alltag bringen.
Ein Bauzaun ist dafür erstaunlich gut geeignet. Man muss kein Museum besuchen, keinen Eintritt bezahlen und sich nicht für eine Veranstaltung anmelden. Man läuft oder fährt vorbei und begegnet plötzlich einem Bild, einer Geschichte oder einer Frage. Deshalb nutzen wir die Baustelle ganz bewusst auch als Kommunikations- und Ausstellungsraum.
Ob Europa, Grundgesetz oder andere gesellschaftliche Themen: Wir wollen nicht belehren, sondern neugierig machen, Denkanstöße geben und im besten Fall Gespräche auslösen.
Wie wurde und wird das Engagement in der Gemeinde wahrgenommen?
Christian von Oppen: Das Projekt wird in der Gemeinde positiv aufgenommen. Das Gutshaus ist ein prägendes Gebäude im Ort und viele Menschen haben eine persönliche Geschichte. So haben viele Altfriedländerinnen und Altfriedländer in der DDR Zeit im Gutshaus gewohnt, es war hier ein Konsum untergebracht und der Rat der Gemeinde. Deshalb ist uns wichtig, das Haus regelmäßig zu öffnen und Menschen einzubeziehen. Bei Veranstaltungen erleben wir viel Unterstützung – durch Vereine, die Feuerwehr, Ehrenamtliche oder Menschen, die einfach mit anpacken.
Gleichzeitig gehört es zu einem solchen Prozess, dass es auch mal unterschiedliche Meinungen gibt. Für mich ist entscheidend, darüber im Gespräch zu bleiben. Unser Ziel ist, dass das Gutshaus langfristig nicht als ein abgeschlossenes Projekt wahrgenommen wird, sondern als offener Ort, der zum Dorf und zur Region gehört und deren Entwicklung unterstützt.
Sie zeigen immer wieder Ausstellungen und Banner an Bauzäunen – etwa zu Europa oder zum Grundgesetz. Welche Idee steckt dahinter?
Christian von Oppen: Wir wollen gesellschaftliche Themen möglichst niedrigschwellig in den Alltag bringen. Ein Bauzaun ist dafür erstaunlich gut geeignet. Man muss kein Museum besuchen, keinen Eintritt bezahlen und sich nicht für eine Veranstaltung anmelden. Man läuft oder fährt vorbei und begegnet plötzlich einem Bild, einer Geschichte oder einer Frage. Deshalb nutzen wir die Baustelle ganz bewusst auch als Kommunikations- und Ausstellungsraum.
Ob Europa, Grundgesetz oder andere gesellschaftliche Themen: Wir wollen nicht belehren, sondern neugierig machen, Denkanstöße geben und im besten Fall Gespräche auslösen.
Demokratie braucht Orte,
an denen Menschen sich begegnen
Warum spielt Demokratiearbeit beim Gutshaus inzwischen eine so wichtige Rolle?
Christian von Oppen: Aus unseren Veranstaltungen und Gesprächen hat sich u.a. das Projekt „Gutshaus der Demokratie“ entwickelt. Dabei geht es uns nicht darum, den Menschen zu erklären, was sie denken sollen. Viel interessanter ist für uns die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Meinungen miteinander im Gespräch bleiben können. Demokratie bedeutet für mich nicht nur Wahlen und Institutionen. Sie braucht Orte, an denen Menschen sich begegnen, zuhören, widersprechen und trotzdem respektvoll miteinander umgehen. Das versuchen wir auch ganz praktisch umzusetzen. Ein Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit dem Johanniter-Gymnasium in Wriezen.
Schülerinnen und Schüler kommen für Workshops zu uns ins Gutshaus und beschäftigen sich hier mit Demokratie, Beteiligung und der Frage, wie sie ihre eigenen Anliegen einbringen können. In einem Planspiel haben die Jugendlichen zum Beispiel ein fiktives Budget von 100.000 Euro bekommen. In der Rolle eines Stadtparlaments mussten sie entscheiden, wofür dieses Geld eingesetzt werden soll. Dabei merkt man sehr schnell, was Demokratie im Alltag bedeutet: Es gibt unterschiedliche Interessen, man muss argumentieren, zuhören, Mehrheiten finden und Kompromisse schließen. In anderen Workshops geht es darum, eigene Anliegen kreativ sichtbar zu machen und zu erleben, dass politische Beteiligung nicht trocken oder abstrakt sein muss. Sie kann kreativ sein, Spaß machen und ganz unterschiedliche Möglichkeiten eröffnen, sich einzubringen. Solche Formate möchten wir weiter ausbauen – für Jugendliche genauso wie für Erwachsene. Mit der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung haben wir dabei einen wichtigen Partner an unserer Seite. Gerade angesichts einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung halte ich solche Orte im ländlichen Raum für besonders wichtig. Das Gutshaus kann dafür einen geschützten, aber gleichzeitig offenen Raum bieten.
Was steckt hinter dem Dialogworkshop am 9. September und der „Motzbude“ am 12. September?
Christian von Oppen: Das ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie wir Demokratiearbeit praktisch verstehen – diesmal mit einem stärkeren Fokus auf Dialog und Gesprächskultur. Am 9. September wollen wir gemeinsam mit dem Verein Mo Lab sogenannte Dialogbotschafterinnen und Dialogbotschafter stärken. Dabei geht es um ganz praktische Fähigkeiten: zuhören, nachfragen, aufeinander eingehen, Haltung bewahren und auch bei unterschiedlichen Positionen auf Augenhöhe miteinander sprechen. Am 12. September gehen wir dann beim Festival „Erichs Erben“ mit der „Motzbude“ bewusst in den öffentlichen Raum. Dort darf erst einmal ausgesprochen werden, was Menschen ärgert, beschäftigt oder was sie gerne verändert hätten.
Aber der entscheidende Gedanke ist: Motzen darf der Anfang eines Gesprächs sein, aber nicht sein Ende. Wir wollen herausfinden, was hinter dem Ärger steckt und wie daraus wieder ein Gespräch – und vielleicht sogar gemeinsames Handeln – entstehen kann.
Was soll das Gutshaus langfristig einmal sein?
Christian von Oppen: Ich wünsche mir einen Ort, an dem ganz unterschiedliche Dinge gleichzeitig passieren können: Menschen aus Altfriedland kommen zu einer Veranstaltung, eine Seminargruppe arbeitet im Haus, Gäste übernachten hier, Kulturschaffende entwickeln ein Projekt und junge Menschen nehmen an einem Workshop teil. Also keinen klassischen Veranstaltungsort und auch kein Hotel im üblichen Sinne, sondern einen lebendigen Zukunftsort mit unterschiedlichen Nutzungen. Wichtig ist uns dabei die Balance: Das Gutshaus soll wirtschaftlich tragfähig sein und gleichzeitig seinen gemeinwohlorientierten Charakter behalten. Wenn die Menschen in einigen Jahren sagen: „Gut, dass dieses Haus nicht aufgegeben wurde – es ist wieder ein lebendiger Teil von Altfriedland geworden“, dann wäre das für mich ein besonderer Erfolg.
Anmeldung Motzbude: https://www.instagram.com/p/DX982TkFaIu/
Website: https://gutshaus-der-zukunft.de/
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