Leserbriefe
Zum Artikel „Alles geht den Bach ‘runter“
„Letschin geht den Bach runter“ war eine der Aussagen Falk Jankes auf besagtem Bürgerdialog. Sie folgte einem Muster, das sich durch die komplette Veranstaltung zog: Man nehme ein Körnchen Wahrheit (Letschin hat Probleme) und liefere die Schlussfolgerung gleich mit (geht den Bach runter). Der gebetsmühlenhaft wiederholte Subtext: Das Kartell der Altparteien hat uns in die Katastrophe geführt, und nur die AfD kann uns retten.
Mit jener Aussage unterlief Janke jedoch eine fatale politische Instinktlosigkeit. Mögen die Letschiner auch untereinander streiten wie die Kesselflicker, so stehen sie doch wie ein Mann zusammen, wenn einer aus Alt Langsow, heute ein Gemeindeteil der Stadt Seelow, sich hinstellt und proklamiert, ihre Gemeinde gehe „den Bach runter“. Dementsprechend verlief der Rest der Veranstaltung dann etwas anders, als MdL Janke sich das vermutlich vorgestellt hatte.
Ähnlich instinktlos hatte im Vorfeld sein Co-Moderator, der Letschiner Gemeindevertreter Ralf Janetschek agiert, der allerdings beim Bürgerdialog weitgehend im Hintergrund blieb. Janetschek hatte sich in einem privat initiierten Flugblatt recht markant nicht nur gegen Geflüchtete, wie man es von einem AfD-Mandatsträger wohl erwarten kann, sondern sozusagen in einem Abwasch auch gegen Neubürger positioniert, wohl darauf spekulierend, die verbreiteten Ressentiments gegen „Berliner“ aufgreifen zu können. Das allerdings ist derzeit in Letschin nicht opportun: Einer der Wege, der drohenden Unterfinanzierung und dem einhergehenden Verlust der Selbständigkeit zu begegnen, ist Zuzug, selbstverständlich auch und gerade aus dem überquellenden Berlin.
Damit ist Janetschek derzeit politisch isoliert, was für ihn und seine Partei zur Unzeit kommt, denn zu Anfang des nächsten Jahres soll ein neuer Bürgermeister gewählt werden. Daran ist Janetschek schon einmal gescheitert, und entgegen der Erwartung vieler Teilnehmer wurde er auch diesmal im Rahmen des „Bürgerdialogs“ nicht als Kandidat vorgestellt.
Angenommen, die AfD würde gern den nächsten Bürgermeister von Letschin stellen, hat sie ein Problem: Janetschek ist verbrannt, ein anderer lokaler, aussichtsreicher Kandidat nicht in Sicht. Also muss ein Externer her, was problematisch ist: Kommunale Wahlen sind weniger Partei- als vielmehr Personenwahlen. Damit erklärt sich, dass nun, gerade sechs Wochen nach dem ersten und nach Jahren der relativen Inaktivität, ein neuer Bürgerdialog angesetzt wurde. Neben Falk Janke soll nun gar MdB René Springer den festgefahrenen Karren wieder ins Rollen bringen – welche Ehre für die (nicht ganz) 4000-Seelen-Gemeinde Letschin.
Wir sind gespannt.
Georg Jungnitz, Letschin
„rot, orange
und gelb
und grün…“
Der Regenbogen wurde von Reinhard Lakomy auf seiner ersten Kinderliederplatte „Geschichtenlieder“ besungen. Jeder, der in den 80er Jahren in der DDR aufgewachsen ist, dürfte das Lied in bester Erinnerung haben. Der Regenbogen spielte auch in der Gemeindevertretersitzung Neuenhagen am 13. April eine nicht unwesentliche Rolle. Von Gastautor Rico Obenauf
Die Mitglieder des Kinder- und Jugendbeirats baten darum, die ebenso bezeichnete Flagge zukünftig während des sogenannten Pride-Monats Juni am Rathaus zu hissen. Ganz so, wie es über 80 Städte des Landes auch machen: Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main, aber auch kleine Städte wie Birkenwerder.
Die Flagge steht für Toleranz und Vielfalt. Das Motiv des Regenbogens ist dabei nicht neu. Als Symbol wurde er seit vielen Jahrhunderten genutzt. So zum Beispiel von Thomas Müntzer als Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Erde beim Bauernaufstand in Mühlhausen. Oder beim Weltfriedenskongress kurz vor dem ersten Weltkrieg. Dort wurde das Naturschauspielmotiv als Friedensflagge ausgewählt. Keine Farbe solle sich ausgeschlossen fühlen und alle stehen gleichberechtigt nebeneinander. Seit 1961, dem Jahr des Mauerbaus, ziert das berühmte „PACE“ diese Flagge, italienisch für „Frieden“. Mit den späten siebziger Jahren nutzt die Schwulenbewegung eine leicht abgewandelte Fahne. Vorausgegangen war ein Mord an einem schwulen Stadtrat aus San Francisco. Der Legende nach habe man sich dabei an das berühmte Lied aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ angelehnt, denn eben am Ende des berühmten Regenbogens sei das Paradies. Das friedliche Miteinander aller fand so seinen gemeinsamen Nenner.
So friedlich die Intention der Flagge, so unterirdisch war die Diskussion dazu in der Gemeindevertretung in Neuenhagen. Sicher, man kann sich auch dagegen aussprechen. So mag man wie Klaus Ahrens (CDU) den geheiligten Boden des Rathauses von jedem Einfluss politischer Prägung freihalten wollen. Oder wie Clemens Purmann (ebenfalls CDU) die Beflaggung ohne Beschluss dem Bürgermeister überlassen. Stephan Zahn (AfD) pflichtete dem prinzipiell bei, er sehe die Möglichkeiten an anderen Gebäuden als dem Rathaus als ausreichend an. Diese Auffassung mag technokratisch oder gar hartherzig daherkommen, verboten ist sie nicht. Tilo Albert (AfD) erklärte der Runde, dass man sich doch auch auf die drei Farben Schwarz, Rot und Gold konzentrieren könne. Hier zog der eine oder andere schon die Augenbrauen nach oben.
Richtig Unruhe kam dann aber auf, als Bürgermeister Scharnke (die Parteilosen) erklärte, die Flagge würde die Gesellschaft spalten und dass er den Antrag auch als Einbringer nicht unterstützen werde. Dem entgegnete ich (Freie Mitte), dass die Gesellschaft gespalten werde, weil es bestimmte Kräfte so wollen, und die Flagge, die für das Gegenteil steht, durch Diskussionen wie zu diesem eigentlich einfachen Antrag beschädigt werde. Da helfen aus meiner Sicht auch die vergifteten Lobeshymnen auf die Arbeit des Kinder- und Jugendbeirates nichts. Auch der Versuch von Anne Prokoph (B90/Die Grünen), durch eine Änderung des Textes dem Bürgermeister die spalterische Wirkung nur tageweise, statt einen Monat lang zuzumuten, half nichts. Der Änderungsantrag wurde abgelehnt. Die Verwirrung war komplett, als Stephan Zahn für die AfD die namentliche Abstimmung beantragte.
Diese Debatte war meines Erachtens ein neues trauriges Kapitel in der Gemeinde. Ja, man kann mit der richtigen Begründung auch dagegen stimmen oder Zeitraum und Gebäude ändern. Vieles hätte die Situation retten können. Doch nicht an diesem Abend. Am Ende wurde namentlich der Antrag der Jugendlichen mehrheitlich abgelehnt und dabei noch die Flagge durch den Schmutz gezogen. Es ist wohl der Zeitgeist. Die Welle der Intoleranz schwappt immer mehr auch über Deutschland herein. Und am Ende tut man noch so, als ob man der Befürworter der Beflaggung als Zeichen für Toleranz unbedingt namentlich habhaft werden müsse. So als seien sie die Bedrohung.
Vielleicht sollten wir Erwachsenen mal wieder mehr Kinderlieder singen. Die echten Werte scheinen uns offensichtlich mehr und mehr zu fehlen. Ich hätte da eins:
„rot, orange, gelb und grün sind im regenbogen drin
blau und indigo geht es weiter auf der regenbogenleiter
und zum Schluss das violett sieben farben sind komplett“
Rico Obenauf ist hauptberuflich Rechtsanwalt. Er sitzt für BVB/Freie Wähler im Kreistag sowie für die Freie Mitte in der Gemeindevertretung Neuenhagen. Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors wider.
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