Die Angst greift um sich – können wir ihr noch begegnen?

Mit „Widersetzt Euch! Wie wir gemeinsam den neuen Faschismus besiegen“ ist den Autoren ein Bestseller gelungen. Allerdings mussten sie jetzt am eigenen Leib erleben, wie fragil die Freiheit für Autoren in Deutschland bereits ist. Bei Kulturinistitutionen greift die Angst um sich, Lesungen werden abgesagt. Eine Buchbesprechung von Steffen Blunk

Auf Seite 65 des Handbuches zum Widerstand – übrigens nicht des ersten Buches, das die beiden Autoren Michael Kraske und Dirk Laabs über die AfD geschrieben haben – steht geschrieben: „Der vorauseilende Gehorsam eingeschüchterter Demokraten ist einer der größten Erfolgsgaranten der AfD.“ 
Gerade holt die Realität die beiden Autoren ein und beweist, wie richtig sie in ihrer Einschätzung liegen: Eine für den 28. Oktober geplante Lesung in der Kulturfabrik Hoyerswerda wurde kurzfristig abgesagt, nachdem  die Autoren sich weigerten, der Forderung der Veranstaltungsleitung nachzugeben, bestimmte Passagen aus ihrem Buch nicht zu lesen. Dirk Laabs schildert die Vorgänge ausführlich auf seinem Blog: https://dirklaabs.substack.com/p/und-das-ist-sie-wohl-die-neue-deutsche?utm_id=97757_v0_s00_e0_tv2_a1demoo53meal5. Besonders pikant: Die Kulturfabrik hatte von sich aus um die Lesung gebeten. Die Angst, auch städtische Fördermittel zu verlieren, wenn man sich zu deutlich gegen die AfD positioniere, wurde zu groß. 
Das ist ein Skandal, den es angesichts einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht geben darf. Den Verkaufszahlen dürfte ein solcher Skandal eher gut tun. 
Das Buch will anecken, das macht schon der provokante Titel deutlich. Entsprechend bildhaft ist die Sprache, beim Lesen schüttelt es einen manchmal angesichts der bildhaften Beschreibungen des IST-Zustandes – „Nanana“, möchte man sagen, „so schlimm ist es doch gar nicht.“ Aber doch, man weiß ja schon, dass es genau so schlimm ist, wie Kraske und Laabs es beschreiben. Es ist eine schonungslose Analyse sich verschiebender Gleichgewichte innerhalb unserer Gesellschaft, erstarkender rechter Strukturen und eben jener daraus resultierenden Situationen vorauseilenden Gehorsams, ängstlichen Stillwerdens, das wir tagtäglich erleben können.
Zum anderen aber ist das Buch ein konkreter Leitfaden, wie man dieser Angst entgegentreten kann. Ich lese dieses Buch nicht ausschließlich im Kontext rechtsradikaler Gewalt- und Bedrohungszunahme, vielmehr als einen Handlungsleitfaden, um überhaupt gegen alltägliche Ungerechtigkeiten aufzustehen, sich einzumischen, laut zu werden oder zu bleiben.
Wenn in der U-Bahn jemand rassistisch beleidigt wird, wenn homophobe oder queerfeindliche Äußerungen in der Kneipe getätigt werden, wenn über „die da oben“ bei der Familienfeier hergezogen wird, dann schauen viel zu viele betreten zu Boden. Hilflos, mutlos. Kraske und Laabs wollen uns genau für diese Situationen den Rücken stärken. Wie weit ihnen das mit diesem Buch gelingt, mag dahin gestellt sein. Für viele der Forderungen der Autoren ist die Zeit schon abgelaufen, etwa dass demokratische Parteien niemals mit der AfD gemeinsam abstimmen dürften. 
Einen großen Widerspruch wird das Buch nicht auflösen können: wer mit unserem Grundgesetz einverstanden ist, wer sich selbst als liberal, sozialdemokratisch, grün oder links einordnet, wird dieses Buch über weite Strecken kopfnickend lesen und vielleicht – hoffentlich! – ein bisschen mehr Mut zum alltäglichen Widerstand finden. Wer aber mit unserem Staat, unserem Grundgesetz ohnehin ein Akzeptanzproblem hat, der wird von diesem Buch nicht erreicht werden. Naja, vielleicht ist das auch gar nicht wichtig, vielleicht reicht es, wenn die demokratische, oft schweigende Mehrheit sich an der Hand nimmt und gemeinsam lauter wird. Bevor es zu spät ist.

Widersetzt Euch! Wie wir gemeinsam den neuen Faschismus besiegen
Michael Kraske und Dirk Laabs
Kiepenheuer & Witsch
1. Auflage August 2026
ISBN 978-3-462-01576-8
Paperback: 20 €

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