Psychedelic Dante heißt der Bilderzyklus des Künstlers Genia Chef, der während des Kulturprogramms zu sehen ist. Bis zum 17. Oktober arbeitet er in der zum Ausstellungsraum gewordenen Scheune auf Gut Sonnenburg an diesem monumentalen Höllen-Gemälde. Foto: wg

Höllentrip durch die Geschichte der Sonnenburg

Seit 11. September und noch bis 17. Oktober läuft auf Gut Sonneburg ein Kulturprogramm, in dem Himmel und Hölle Rahmen und Inhalt sind. Dass der Start auf den 25. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center fiel, ist kein Zufall. Autorin: Dr. Christel Weiler, Redaktion: Steffen Blunk

„Himmel und Hölle – eine Reise durch die Geschichte von Gut Sonnenburg“, so lautet der Titel eines Kulturprogramms, das noch bis zum 17. Oktober auf Gut Sonnenburg erlebt werden kann.
Begonnen wurde die Veranstaltungsreihe am 11. September, dem 25. Jahrestag des Anschlags auf die Türme des World Trade Centers in New York, und natürlich wurde in einem Einführungsvortrag über Höllenbilder darauf Bezug genommen. Wesentlich allerdings – und alles Künftige begleitend – war die Eröffnung einer Ausstellung des Künstlers Genia Chef mit einem Bilderzyklus zu Dantes „Höllengesängen/Inferno“, die der Künstler „Psychedelic Dante“ nennt und so darauf hinweist, dass die Höllenbilder unserer menschlichen Vorstellungskraft entspringen. Dante hat in 33 Gesängen schauerlich und kunstvoll detailliert beschrieben, welche Höllenqualen erlitten werden müssen, wenn ein vom Bösen und Unrecht getriebenes Leben in der Hölle endet. Auch wenn uns der Glaube daran mittlerweile fehlt, so sind doch die Höllenqualen und -strafen in unsrer Fantasie präsent. Genia Chef wird in den nächsten Wochen in der zu einem wunderbaren Ausstellungsraum gewordenen Scheune auf der Sonnenburg noch an einem monumentalen Höllen-Gemälde arbeiten. Das Publikum ist herzlich eingeladen, diesen Entstehungsprozess mitzuverfolgen und im Betrachten die eigenen Phantasien auf die Leinwand zu projizieren.
Im Zentrum aller Ereignisse – seien es Vorträge, Theateraufführungen, Filme oder gar ein Gottesdienst – steht somit die Beschäftigung mit den Bildern von Himmel und Hölle, die wir alle in uns tragen, die historisch aufgeladen sind oder im Unbewussten unsrer eigenen Psyche verborgen sind.
Was die historischen Bilder betrifft, so haben vor allem drei Vorträge zu unterschiedlichen Männer-Macht-Phantasien von Joachim Ribbentrop, Albert Speer, Arno Breker und Horst Sindermann dazu beigetragen, Licht in diese geschichtlichen Abgründe zu werfen. Eine Ausstellung von Detlef Mallwitz zu den Plänen von Speer und Breker kann noch in den Räumen auf Gut Sonnenburg besichtigt werden. Detlef Mallwitz hielt dazu auch einen kleinen Vortrag über die noch sichtbaren Spuren dieser Pläne von Speer und Breker. Die beiden anderen Referenten waren Werner Gerber – zu Ribbentrop, der auf Gut Sonnenburg lebte und dort an unheilvollen politischen Entscheidungen in der Nazi-Zeit beteiligt war. Dr. Rainer Schmook referierte klar und erkenntnisreich zu Sindermanns kurzem Traum, um Gut Sonnenburg herum ein Jagdparadies zu errichten.
Wenn wir über Himmel und Hölle nachdenken, darf natürlich die Religion ebenso wenig wie die Gerichtsbarkeit fehlen. Beide Institutionen sind an Vorstellungen von Gerechtigkeit und Strafe geknüpft und geben unterschiedliche Antworten auf die damit verbundenen existenziellen Fragen. Den religiösen Anteil hat Pfarrer Johannes Eichhorn in einem Gottesdienst angesprochen und dabei noch einmal auf die Dimensionen von Höllenbildern in biblischen Texten hingewiesen.
Den mit der Justiz verbundenen Teil hat Dr. Bernhard Schwaiger mit Blick auf jugendliche Straftäter aus psychoanalytischer Sicht reflektiert. Sein Vortrag handelte vom „Begehren des Gesetzes“, zum einen also davon, in welcher Absicht Gesetzgebung Menschen ‚formt‘, zum anderen davon, was sich in den psychoanalytisch-therapeutischen Dialogen aus der Sicht der Jugendlichen zeigt und häufig mit Problemen der Pubertät zu tun hat.
Nach all den inspirierenden und dialogfreudigen Ereignissen der drei letzten Wochenenden darf man neugierig sein auf das, was noch kommt.
Es wird ein Konzert geben mit dem dänischen Duo Linebogh aus Zeitz (am 3. Oktober um 19 Uhr), in dem verlorene Plätze in der DDR zum Thema werden. Am darauffolgenden Morgen (4. Oktober, 11 Uhr) kann man einen Vortrag hören mit anschließender Diskussion über „Nazis in der DDR und heute“. Hierzu sind Ingo Hasselbach, ein ehemaliger rechtsradikaler  Aktivist,  und Nadja Klier, Fotografin und Filmemacherin, eingeladen. Beide sind ein Paar und engagierte Aktivisten, denen an einer positiven Aufarbeitung vergangenen Unrechts gelegen ist.
Eine zeitgenössische Facette von bedenklicher Rückwärtsgewandtheit wird zum Thema in dem Buch von Hannah Lühmann. Die Autorin liest aus ihrem Roman Heimat, in dem es um die so genannten Tradwives geht, um Frauen also, die –freiwillig? – alten Rollenbildern entsprechen wollen, sich davon faszinieren lassen und damit feministischem Gedankengut entgegen wirken. Die an die Lesung anschließende Diskussion wird von Christiane Seiler moderiert werden.
Am Sonntag Morgen wird es dann noch einmal eine Gelegenheit geben, sich mit Höllenbildern zu beschäftigen und sie zu transformieren. Eine Meditation wird uns ‚ins Offene‘ führen. Angeleitet wird sie von Christel Weiler, der Autorin dieses Textes, die auch den Einführungsvortrag gehalten hat.
Schließlich wird am letzten Wochenende noch einmal in zwei Vorträgen Dantes Göttliche Komödie zum Thema gemacht werden. Werner Gerber wird danach fragen, ob und in welcher Weise es sich dabei um eine weitere Männerphantasie handelt und Paul Sonderegger wird aus Dante’s Purgatorio lesen. Genia Chef wird unter den Augen des Publikums den letzten Pinselstrich an seinem großen Bild machen, V3ruschka + Inge Gellert zeigen ihre Performance Von Liebe. Und dem Krieg. Und zu guter Letzt wird bei einer Wanderung durch den an das Gut anschliessenden Park Paul Sonderegger eine wunderliche Geschichte von Apuleius vorlesen, die hoffentlich von gutem Wetter und Mondschein begleitet sein wird.
Alle Veranstaltungen sind bei freiem Eintritt zu besuchen, über zahlreiche Besucher*innen und mögliche Spenden für den Förderverein freut man sich sehr.

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