Himmel und Hölle in Brandenburg

Auf der Sonnenburg bei Bad Freienwalde geht’s über fünf Wochen durchs Inferno. Von Heiko Michels

Ribbentrops Schloss – so nannte man das Anwesen von Hitlers Außenminister in den umliegenden Dörfern. Im Winter 1944/45 befand sich auf der Sonnenburg im Wald bei Bad Freienwalde mit Ribbentrops Büro eine Zentrale des höllischen Vernichtungskrieges. Nach dem Krieg bot das Gutshaus Dach für Geflüchtete, und wurde später als kommunaler Ort der Dorfgemeinschaft übergeben: mit Kulturraum, Kantine, Gemeinschafts-Backofen, Dorfbrunnen. Diese im Sinne sozialistischer Säkularisierung paradiesischen Diesseits-Zustände (wie himmlisch es wirklich war, kann hier nicht untersucht sein) wurden mit der Wende jäh beendet. Wie an so vielen Orten wurde privatisiert, ökonomisiert, und das Dorf verlor seine öffentliche Sphäre. Diverse Investoren scheiterten, das Gut verfiel zusehends.
2015 konnte der Schauspieler Werner Gerber das Gut kaufen. Dorf-Pizzabacken im Lehmofen, eine öffentliche Boulebahn, ein Café und unkonventionelle Kulturveranstaltungen… langsam wächst hier wieder etwas. Doch bevor es himmlisch wird, soll mit „Himmel & Hölle – eine Reise durch die Geschichte“ in einer Art Tiefenspiegelung aufgearbeitet und ausgeschwitzt werden, was sich in Ort und Umgebung an (Ge-)Schichten abgelagert hat. Was Gerber, dramaturgisch unterstützt von der langjährigen Theaterwissenschafts-Dozentin Christel Weiler, plant, gleicht einem Parforceritt, und sucht in der Region seinesgleichen. Die Reihe übers Inferno vom 11.9. bis 17.10. beinhaltet rund 16 Veranstaltungen: Vorträge, Improtheater, Ausstellung, Live-Painting, Psychoanalysen, Kino, Gottesdienst, Workshops, Konzerte, Meditationen.
„Woher kommen die Höllenbilder, warum denken wir darüber nach?“ fragt Christel Weiler, die ich zum Gespräch treffe. „In der Sonnenburg sind unterschiedliche Geister am Geistern“, und diese hätten mehr mit den Spannungen unserer Gegenwart zu tun, als uns lieb ist. „Bilder von Jenseitswelten gab es schon immer, sie kommen aus Erfahrungswissen, das unsere Imagination dann weiter verdichtet und ausschmückt“, so Weiler.  Die eingehende Beschäftigung mit Höllenbildern kann man ihr zufolge als eine Art Teufelsaustreibung lesen, indem man diesen eine Bühne gibt, eine Stimme verleiht. Und so werden in der Reihe „Himmel und Hölle“ in Gesprächen und Darstellungen die „Männerphantasien“ von Ribbentrop, Speer und Sinderman lebendig. (13.9. Tag des offenen Denkmals). Oder der Schwarz-Weiß-Spielfilm „Die Mörder sind unter uns“ von 1946 lässt das Geistern von Schuld im Nachkriegsberlin auf der Leinwand flimmern. Und in diesem Dokument verschwimmt Story und Realität, denn der Psychophysiognomie der Schauspielenden liegt der Krieg spürbar im Nacken (26.9.).
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch“ lässt sich mit Bertolt Becht sagen. Im nahen Bad Freienwalde soll schon in den DDR-80ern eine rechtsextrem und gewalttätig geprägte Skinhead-Szene gegeistert haben. Und letztes Jahr bekam der Ort mediale Aufmerksamkeit, nachdem ein Fest für Demokratie und Vielfalt am Markt am helllichten Tag von Vermummten angegriffen wurde. Und so setzt die Veranstaltungsreihe Spuren der Geschichte mit heutigen Gewalt-Obsessionen in Verbindung. „Das Begehren des Gesetzes“ heißt ein Vortrag zur Psychoanalyse jugendlicher Straftäter des in ostdeutschen Regionen aktiven Jugendtherapeuten Bernhard Schwaiger (27.9.) Ein Gespräch mit dem ehemaligen Naziführer Ingo Hasselbach (einer der populärsten Aussteiger aus der Szene) geht um „Nazis in der DDR und heute“ (4.10.). Und die Autorin Hannah Lühmann liest aus ihrem aktuellen Buch „Heimat“, in dem die Protagonistin auf der Suche nach Landidylle auf „Tradwives“ trifft – Frauen mit (ideologisch gelenkter) Sehnsucht nach erzkonservativen Frauenbildern (10.10.). Im Gegensatz zu Julie Zehs populärem Ansatz des Verstehens, Erklärens, Abmilderns, Vermittelns schaut Lühmanns Roman tiefer in die Hölle der Verstrickungen und Instrumentalisierungen neuer Rechts-Strömungen und den Gewaltfantasien ihrer Urgründe.
Insgesamt scheinen die Abgründe, die bei „Himmel und Hölle“ thematisch aufgedeckt werden, eine gute Ergänzung zu den positivistischen Thematisierungen von Landkultur, wie sie das nahgelegene Oderbruch-Museum mit seiner „Werkstatt für ländliche Kultur“ seit Jahren umfassend wie respektvoll herausstellt – sie sind sozusagen die Schattenseiten.

„Ich glaube nicht, dass wir in den Himmel kommen,
wenn wir nicht mit dem, was im Diesseits da ist, zurechtkommen"

Der mythologische Background der Reihe ist dann noch in einen viel weiteren Bogen eingebettet: „Psychedelic Dante“ heißt die Ausstellung des russisch-deutschen Künstlers Genia Chef, die am ersten Wochenende (12.9.) eröffnet wird. In den rauschhaften Gemälden des von Venedig über New York, Madrid bis (zum Vorkriegs-)Moskau gefeierten Malers rutschen Figuren und Ereignisse des Zeitgeschehens in phantastisch-symbolistische und a-historische Bildwelten. „Das kollektive Unbewusste, mit dem man nicht mehr zurechtkommt“ (so Weiler über Chefs Ästhetik) darf in diesen Gemälden seinen Ausdruck, sein Ventil finden. Der Begründer des bildkünstlerischen Posthistorismus schwört auf der Sonnenburg Dantes Inferno herauf, verknüpft es mit dem Jetzt, schafft neue Mythologien zwischen Spätmittelalter und unserer kriselnden Moderne. Genia Chef wird über die Zeit auf der Sonnenburg wohnen… und arbeiten. Vor Ort, in Angesicht und Kommunikation mit dem Publikum und im Spiegel der Veranstaltungen entsteht unmittelbar ein weiteres drei mal zehn Meter hohes Gemälde, das am Finaltag (17.10.) seinen letzten Pinselstrich bekommt – eine Höllengeburt? 
„Wo bleibt denn der Himmel?“, frage ich Dramaturgin Christel Weiler, da die Veranstaltung sich ja nun „Himmel und Hölle“ titelt.„Ich glaube nicht, dass wir in den Himmel kommen, wenn wir nicht mit dem, was im Diesseits da ist, zurechtkommen“, antwortet sie. Die Bilder der Katastrophen – Kriegs- und Hungerschauplätze, Umweltkatastrophen mit dem in ihnen eingelagertem Damoklesschwert des Klimawandels – seien heute medial omnipräsent. Wie soll man kulturell Himmel bauen, ohne aktiv die Höllen, die da um uns schlummern, zu benennen, zu durchleben, anzupacken? Der Weg durch die Hölle ist wohl nicht nur bei Dante, sondern auch heute und bei uns die einzige Möglichkeit, Himmlischem näher zu kommen. Alles andere ist gefährliches populistisches Heilsversprechen, das in unserer Zeit halb-bewusster Höllen in allen Augenwinkeln die Sehnsucht nach heiler Welt ausnutzt. Oder um es mit Heiner Müllers pragmatischen Ästhetik-Definition zu sagen: „Das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken“.
Somit führen viele Formate der Reihe, die mit „eine partizipative Entdeckungsreise“ überschrieben ist, das Publikum buchstäblich körperlich mit auf den Weg: Paul Sonderegger lädt zum Finale auf eine Park-Wander-Lesung mit Texten der Metamorphosen des antiken Mystikers Apuleius zur „Erlösung durch die Heilsgöttin Isis“ (17.10.), ein interaktives Konzert verspricht das Duo Linebogh mit dem Titel Lost places in der DDR (3.10.), ein Gottesdienst des regionalen Pfarrers in der Scheune ist betitelt mit „Selig sind, die da dürstet nach Gerechtigkeit“ (20.9.), eine Theatergruppe improvisiert gemeinsam mit dem Publikum über Schuld, Gerechtigkeit und Sühne („Konflixt nochmal“, 20.9.), die Performance der Künstlerinnen V3ruschka und Inge Gellert handelt hautnah von „Von Liebe. Und dem Krieg“ (17.10.). Christel Weiler selbst bietet eine Meditation an: „Lasst uns ins Offene gehen, in die Natur!“ (11.10.). In einem gemeinsamen Schreibprozess sollen sich Höllenbilder aus der Imagination lösen, gelesen werden, um sich bestenfalls zu verflüchtigen. Es gehe ihr dabei aber nicht um persönliche Therapie, sondern um eine a-persönliche Emergenz von verborgenem Bewusstsein.
Beim Sprechen und Schreiben über das Projekt kommt immer mehr Lust auf, den gesamten Weg mitzugehen. Ergibt sich wirklich über die fünf Wochen ein Prozess, einer Prozession durch Inferna mit einem wie auch immer gearteten Ankommen? Die Dinosaurierhaftigkeit der Reihe lässt eher an eine 1970er-Jahre Aktion irgendwo in einem Schloss bei Wien denken – als vielleicht noch mehr Zeit genommen wurde, sich eingehend mit aus der Welt gefallenen Dualismen wie Himmel und Hölle zu beschäftigen. Kann man die fünf Wochen als Gesamtperformance lesen und erleben? Die Sonnenburg bietet in jedem Fall einen Reisepass für alles für 50 € an. Und die Genese von Genia Chefs Gemälde wird täglich im Internet gespiegelt. Die kulturschreiber*innen nehmen sich vor, Ende Oktober zu fragen, wer Gesamteindrücke geben kann! 
Zuerst erschienen auf der Plattform kulturschreiber*innen – Feuilleton für Ost-Brandenburg. www.kulturschreiberinnen.de

Himmel & Hölle

Eine partizipative Entdeckungsreise auf Gut Sonnenburg, Sonnenburg 6, 16259 Bad Freienwalde (Oder) vom 11.9. bis 17.10.

Eröffnung mit einem kulturgeschichtlichen Prolog von Christel Weiler: „Lasst alle Hoffnung fahren“ | 11.9.26, 19h
Das gesamte Programm immer aktuell unter: https://gutsonnenburg.de/aktuelles/
Eintritt frei, um eine Spende (Empfehlung 10 € pro Veranstaltung) wird gebeten. Alternativ gibt es für alle Veranstaltungen den Reisepass für 50 €: eine von Genia Chef handsignierte Postkarte. Die Inhaber bekommen dazu laufend per Mail einen Reisebericht zugestellt: vorab Infos zu jedem Termin und hinterher die Highlights und Erfahrungen der letzten Station.

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