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Parlament der Dörfer: Wie Menschen ihre Orte neu beleben
Am 6. Juni werden beim 3. Parlament der Dörfer Forderungen der Dorfbewegung an die Landesregierung übergeben. Was verbirgt sich hinter dieser Bewegung? Wir sprachen mit Grit Körmer, Vorstandsmitglied der Dorfbewegung Brandenburg über die Herausforderungen des ländlichen Raums. Von Juliane Roschitz und Christian Göritz-Vorhof
In Deutschland leben Millionen Menschen in kleinen Dörfern auf dem Land. Auch in Brandenburg. Von den knapp 200.000 Menschen in Märkisch-Oderland leben circa 66.000 in Orten und Ortsteilen mit weniger als 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Damit lebt ein Drittel der Menschen im Landkreis in Dörfern. In Dörfern ist es ruhiger, die Schulen sind weniger geworden, die Wege länger, die Versorgung schlechter als in der Stadt. Das bringt andere Herausforderungen mit sich, für die Menschen und für deren kommunale Vertretungen.
Frau Körmer, was sind die Herausforderungen der Menschen in den ländlichen Räumen und warum brauchen Dörfer Unterstützung
Grit Körmer: Ländlicher Raum wird ja verschieden wahrgenommen. Mit Blick von außen mag der idyllische Blick auf die Landschaft überwiegen, gleichzeitig hat sich ein defizitärer Blick auf den ländlichen Raum etabliert.
Die Menschen nehmen wahr, dass Politik oft aus der Perspektive der Stadt agiert und die spezifischen Herausforderungen der ländlichen Räume wenig einbezieht oder vieles verkompliziert. Natürlich ist die Infrastruktur hier ausgedünnt, diese Lücken werden oft mit Engagement ausgeglichen. Werden diese Initiativen durch hohe Komplexität und mangelnde Handlungsoptionen eingedämmt, wächst Frustration, das Gefühl, abgehängt zu sein. Hinzu kommt, dass die Kommunen keinen finanziellen Handlungsspielraum mehr haben. Hier braucht es dringend Veränderung.
Wie gelingt das? Wie wird aus einer individuellen Herausforderung eine Forderung für alle?
Grit Körmer: Als Dorfbewegung Brandenburg haben wir verschiedene Formate entwickelt, die Dialog ermöglichen sollen. Auf Ebene der Dörfernetzwerke, finden in inzwischen überall in Brandenburg regionale Dörfertreffen statt, um Erfahrungen auszutauschen und Lösungen für die lokale Ebene zu diskutieren. Beim zweijährlich stattfindenden „Parlament der Dörfer“ werden Themen auf Landesebene diskutiert, die aus den Dörfernetzwerken eingebracht wurden. Diese wurden seit Monaten in Arbeitsgruppen bearbeitet und fachlich unterlegt. Beim Parlament werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen in thematischen Ausschüssen vorgestellt, geschärft und bekommen einen finalen Schliff. Am Ende des Parlamentes stehen Forderungen, mit denen wir dann auf die Landesregierung zugehen. Die Schirmherrschaft hat die Landtagspräsidentin, derzeit Prof. Dr. Ulrike Liedtke. Wir übergeben unsere Forderungen aber nicht nur, wir sind auch im Landtag anwesend, beziehen Stellung und versuchen Entscheidungsprozesse im Sinne der Dörfer aktiv zu begleiten.
Brandenburgweit beginnt die Dorfbewegung
in neun Regionen langsam zu laufen
Das beschreibt das Lobbyieren für die dörflichen Interessen in Richtung Politik, deren Wirkung sich häufig erst zeitversetzt zeigt. Welchen Mehrwert hat die Dorfbewegung für die Menschen direkt greifbar vor Ort?
Grit Körmer: Die Menschen erhalten durch uns spezifische Informationen, die sie brauchen, um ihr Lebensumfeld vor Ort zu gestalten. Diese kommen oft nicht bis in die Dörfer. Die Dorfbewegung engagiert sich hier mit Partnern vor Ort für geeignete Informations- und Bildungsformate, die die Selbstwirksamkeit stärken und die vorhandene gute Praxis vor Ort einbeziehen.
Beispielsweise haben wir kürzlich mit dem Dörfernetzwerk Spree-Oder in Kooperation mit der Praxisforschungsstelle Heinersdorf ein Dörfertreffen zum Thema „Gesund älter werden im Dorf“ die organisiert. Hier gab es sowohl Impulse von Fachpartnern als auch von den Dörfern selbst.
Wie viele regionale Netzwerke gibt es aktuell?
Grit Körmer: Brandenburgweit gibt es aktuell neun Regionen, in denen die Dorfbewegung langsam zu laufen anfängt.
Wie geht das bzw. wie muss man sich das Wirken vorstellen?
Grit Körmer: Konkret stellt sich die Arbeit so dar, dass mit bestehenden Strukturen wie den EU-geförderten LEADER Aktionsgruppen zusammengearbeitet wird. Das hängt auch von der Dynamik vor Ort ab. In den meisten Regionen werden zwei bis drei Mal im Jahr für engagierte Akteure in Dörfern Veranstaltungen angeboten. Es können alle mitmachen, die sich angesprochen fühlen. In anderen Regionen wie der Nordwestuckermark „38 unter einem Hut“ gibt es monatliche Treffen und eine strukturierte Zusammenarbeit. Das muss einfach wachsen und es ist wichtig, dass die teilnehmenden Akteure den Austausch als Mehrwert und nicht als zusätzliche Belastung empfinden.
Die Geschäftsstelle der Dörferbewegung befindet sich in Trebnitz. Gibt es auch in Märkisch-Oderland strukturierte Dorfbewegungen?
Grit Körmer: Hier in der Region ist das Dörfernetzwerk Spree-Oder aktiv, es beginnt langsam zu wachsen. Hier stehen vor allem das Kennenlernen und der Austausch von Informationen stark im Vordergrund. Wer Interesse hat, in den Dörferverteiler aufgenommen zu werden, wendet sich an spree-oder@lebendige-doerfer.de
Sie als Verein organisieren diese Angebote. Wie viele Menschen sind in dem Verein aktiv und wirken mit?
Grit Körmer: Der Verein hat derzeit rund 50 Mitglieder. Diese Mitglieder organisieren zusammen mit Partnern wie den LAGen die Dörfernetzwerke, die Arbeitsgruppen, den Tag der Dörfer und das Parlament der Dörfer.
Gibt es auch hauptamtliche Unterstützung?
Grit Körmer: Ja, wir bekommen eine halbe Stelle für die Geschäftsführung vom Landwirtschaftsministerium gefördert. Ziel ist es weitere Stellen zu etablieren, um die Dorfbewegung weiter zu institutionalisieren, kontinuierliche Unterstützung anzubieten und sich in mehr Kooperationen zu engagieren.
Wie kommt die Arbeit der Dorfbewegung bei den Menschen an?
Grit Körmer: Wir bekommen für unsere Arbeit viel positives Feedback, allerdings braucht es mehr Menschen, die sich in der Dorfbewegung engagieren und die Verantwortung für konkrete Veränderung selbst übernehmen. Oft wird diese delegiert an die Gemeindevertretung vor Ort, ehrenamtliche Bürgermeister:innen oder Ortsvorsteher:innen. Doch auch diese brauchen für konstruktive Lösungen mit der Verwaltung den kontinuierlichen Dialog mit der Bürgerschaft, nicht nur, wenn es gilt, sich gegen eine Entscheidung auszusprechen.
Welche Rolle spielt da der Städte- und Gemeindebund für ein gutes Miteinander zwischen Haupt- und Ehrenamt in der kommunalen Selbstverwaltung?
Grit Körmer: Das ist in Brandenburg eine gewisse Herausforderung. Wenn hier überwiegend das Verständnis herrscht, dass die Ebenen unterhalb der Hauptverwaltungsbeamten (Bürgermeister – Anm. der Redaktion), wie Ortsvorsteher nur der Verwaltung zuarbeiten, dann schwächt dies die lokale Demokratie. Gerade hier ist das Miteinander wichtig, haben Menschen noch das Gefühl, sich am ehesten einbringen zu können. Wird dies an Verwaltung delegiert, bleibt nicht mehr viel Raum für Gestaltung. Hier setzt die Dorfbewegung an.
Der ländliche Raum ist oft
zu wenig sichtbar und hat keine Lobby
Um damit als Interessenvertretung für den ländlichen Raum nach oben in die Politik zu wirken?
Grit Körmer: Ja, weil die Herausforderungen oft auch nicht auf kommunaler Ebene gelöst werden können. Es bedarf geeigneter politischer Rahmensetzungen häufig auf der Landes- bis EU-Ebene, um die lokalen Probleme nachhaltig und wirksam zu reduzieren. Hier ist der ländliche Raum oft zu wenig sichtbar und hat keine Lobby.
Erschwerend wirkt, dass durch die Gemeindegebietsreform 2003 viele Orte ihre Selbstständigkeit verloren haben und nun als Ortsteile organisiert sind. Die Ortsvorsteher:innen und Ortsbeiräte haben weniger Rechte und weniger Möglichkeiten der Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Das war zum Beispiel ein Thema, an dem wir gearbeitet haben. Jetzt gibt es seit 2022 das Ortsteilbudget, über das der Ort selbst entscheiden kann und die Rechte der Ortsteile in der Kommunalverfassung wurden gestärkt. Das ist eine kleine Verbesserung.
Könnte Ihrer Ansicht nach der Bürger:innenrat ein Bindeglied sein?
Grit Körmer: Wir stehen mit Mehr Demokratie e.V. im Austausch. Für die Dorfebene schätzen wir ein, dass das Format ungeeignet ist, weil sie die Arbeit der Ortsbeiräte und Gemeinderäte quasi kopiert bzw. schwächt. Die Unmittelbarkeit ist mit diesen Gremien im Dorf bereits gegeben, die Zugänge sind einfacher und die Bürgerschaft kann sich über Einwohnerversammlungen gut einbringen und mitwirken. Auf höheren Ebenen wären diese geeigneter.
Was können Menschen tun, um ihr Dorf wieder lebendig zu machen?
Grit Körmer: Ich denke, dass viele Dörfer sehr lebendig sind, vielfach auf ganz unterschiedliche Weise und nach außen unter Umständen wenig sichtbar. Vielfach jedoch geht den Akteuren durch die Rahmenbedingungen die Puste aus, gleichzeitig steht in den Dörfern der Generationswechsel bei den Aktiven an. Dies zu bewältigen wird eine große Herausforderung, da braucht es Alle vor Ort, um gemeinsam in die Zukunft zu schauen. Der im kommenden Jahr wieder anstehende Dorfwettbewerb ist da eine gute Gelegenheit.
Gibt es in der Dorfbewegung auch ein Angebot speziell für junge Leute?
Grit Körmer: Ja, wir, beziehungsweise junge Menschen, die bei uns mitwirken, haben eine Arbeitsgruppe zum Thema Jugend für das Parlament eingebracht. Perspektivisch wollen wir enger mit der Landjugend und dem Landesjugendring zusammenarbeiten, um Dörfer dabei zu unterstützen, ihre Kinder und Jugendlichen in die Dorfentwicklung einzubeziehen.
Vielen Dank, Grit Körmer für Ihre Zeit und den spannenden Einblick in diese wichtige Arbeit.
Grit Körmer: Gern und vielen Dank für Ihr Interesse.
Hintergrund
Die Dorfbewegung - europaweite Netzwerke
Die ersten Dorfbewegungen entstanden in den 1970/80er Jahren in Finnland und Schweden. 2005 wurde in einem Bericht über „Die ländlichen Bewegungen in Europa“ erstmals die europaweite Existenz solcher Netzwerke zusammengetragen. Heute sind es Netzwerke in circa 38 Ländern, die sich für Beteiligung und Stärkung der ländlichen Regionen einsetzen. Diese sind wiederum miteinander verbunden in der „Allianz der europäischen ländlichen Gemeinden“ (ERCA – European Rural Community Alliance). Das Ziel der Dorfbewegung ist es, durch Vernetzung eine starke Stimme gegenüber politischen Akteuren zu haben, um die Themen der Dörfer hervorzuheben und einen Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen.
Mit „Brandenburg 21“, ein 2006 gegründeter brandenburgischer Verein mit Sitz in Potsdam, gab es einen Vorläufer zur Dorfbewegung. Dessen Schwerpunkt lag auf die Umsetzung der Ziele des Aktionsprogramms Agenda 21 der Vereinten Nationen, welches 1992 von 178 Ländern beschlossen wurde. Diese sah vordergründig Leitlinien für eine nachhaltige Entwicklung vor und war damit mit den Zielsetzungen der Dorfbewegung nicht deckungsgleich und für eine Dachfunktion ungeeignet.
Seit 2015 setzt sich in Brandenburg die parteiunabhängige Dorfbewegung Brandenburg – Netzwerk Lebendige Dörfer e.V. für zunächst frischen Wind in den Brandenburger Dörfern ein. Dabei gilt es an existierenden Netzwerke, Strukturen anzuknüpfen und Beteiligungsformate in den Dörfern zu aktivieren und zu etablieren. Die Dorfbewegung bedient sich Mitmachformaten und Partnern zur Erarbeitung konstruktiver Ansätze für die in den Dörfern anliegenden Themen. Mit dem bundesweit einmaligem zweijährig stattfindendem „Parlament der Dörfer“ wird der Austausch zwischen Dörfern bzw. deren Vertretenden gefördert und werden Dörfer wieder mehr in das Bewusstsein der Politik gebracht.
Jeweils im Vorjahr werden beim „Tag der Dörfer“ die Themen der Dörfer aufgegriffen und in der Folgezeit in Arbeitsgruppe bearbeitet. Diese sind derzeit: Erneuerbare Energien, Mobilität, Demokratie, Begegnungstätten und Jugend. Mitmachen geht über die Regionalnetzwerke, über die Teilnahme an den Dialogformaten wie den „5-Uhr Tee“ oder in den Arbeitsgruppen. Die Dorfbewegung Brandenburg – Netzwerk lebendige Dörfer hat ihren Sitz in Märkisch-Oderland, Müncheberg / OT Trebnitz.
https://dorfbewegung-brandenburg.de/
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