Elektrisierende Annäherung an ein kritisches Thema

ENERGIE ist das Jahresthema des Oderbruchmuseums in Altranft. Zum Auftakt gab es eine spannende Auseinandersetzung zur Lage der Energiegewinnung im Oderbruch. Von Steffen Blunk und Christian Göritz-Vorhof

Schon seit ewigen Zeiten wird Wind im Oderbruch zur Energiegewinnung genutzt. Dieses Windrad in Libbenichen etwa wurde 1926 gebaut und versorgte den Hof mit Strom. Foto: cgv

Gerade im Oderbruch ist „Energie“ ein Thema, das äußerst energiegeladen diskutiert wird. Da ist die Verspargelung der Landschaft durch die Windräder, die ebenso nervenaufreibende Geräuschkulissen wie Schlagschatten erzeugen. Da sind die unendlichen Freiflächenphotovoltaikanlagen, die die gesamte Landschaft verspiegeln, Sichtachsen zerstören und mindestens ebenso laut summen, wie die Windräder. Auf der anderen Seite ist der Klimawandel, der mit harten Tatsachen dazu auffordert, sich von fossiler Energiegewinnung zu befreien. Es gibt die eigentlich schon geplante Energiewende, die von der Wirtschaftsministerin gerade wieder einmal massiv in Frage gestellt wird. Gleichzeitig ist da der enorm anwachsende Energiebedarf: er entsteht nicht zuletzt durch immer größer werdende Rechenzentren, die die meisten Menschen im Oderbruch jedoch kaum brauchen. Er entsteht aber auch zum Beispiel durch die Wärmewende, die zu vielen mit Strom betriebenen Wärmepumpen auch im Oderbruch führen wird. 

Es ist ein Wespennest, dieses Thema „Energie“, ein Wespennest, in das das Oderbruch Museum Altranft lustvoll sticht. Und doch anfangs mit großen Bedenken, wie der Leiter des Programmbüros, Dr. Kenneth Anders, anlässlich des Starts in das Jahresthema „Energie“ am 3. April erklärt. Denn während bei einer ersten Auseinandersetzung mit dem Thema im Jahr 2014 noch unbefangen über Energieautarkie durch dezentrale Energiegewinnung diskutiert worden sei, sei es heute ein von allen Seiten emotional hoch aufgeladenes Thema. „Wir haben uns die Frage gestellt, ob wir als Museum es überhaupt leisten können, dieses Thema zu behandeln.“

Solar und Photovoltaik kurz erklärt

Oft werden die Begriffe Solaranlage und Photovoltaikanlage (PV oder PVA) synonym verwendet. Ganz richtig ist das nicht. Denn Solar ist ein Oberbegriff, der alle Technologien umfasst, die Sonnenenergie in andere Energieformen umwandeln. Solar wird also nocheinmal unterschieden in Photovoltaikanlagen und Solarthermieanlagen. Letztere wandeln Sonnenenergie in Wärme für Heizung und Warmwasser um. Photovoltaikanlagen hingegen erzeugen aus Sonnenlicht elektrische Energie. Für einen Privathaushalt kann sich auch eine Kombination aus beidem rentieren. In den vergangenen Jahren werden jedoch mehr Photovoltaik- als Solarthermieanlagen installiert.

"Die Abkehr von der Energiewende
ist absolut nicht förderlich"

Das Museum tut es dennoch und betont, dass Energie ja nicht nur die Energiegewinnung von heute sei, auch nicht nur Strom und Wärme, sondern auch etwa die Energie, die vor Jahrhunderten benötigt worden sei, um Landwirtschaft zu betreiben, die physische Kraft von Tier und Mensch oder die Windmühlen, die schon vor 100 Jahren im Oderbruch standen. Zum Themenauftakt lud das Museum in den Resonanzraum an ein symbolisches Lagerfeuer, um das sich das interessierte und betroffene Publikum versammelte. Und hier ging es um die Energiegewinnung von heute und morgen.

Dr. Oliver Ruch, Beauftragter des Vorstandes der EWE AG für Brandenburg, berichtete zunächst von der Rolle des Konzerns. In der Region sei die EWE AG unter anderem mit Tochterunternehmen in Gasnetzen, dem Gasspeicher in Rüdersdorf, der zu einem Wasserstoffspeicher weiterentwickelt werden solle, sowie durch das Tochterunternehmen EWE GO mit Ladesäulen vertreten. Bereits 2035 wolle die EWE AG klimaneutral sein, so Dr. Ruch. Auf Gas könne dabei auch in den nächsten zehn bis 20 Jahren nicht ganz verzichtet werden, vor allem bei der Wärmeerzeugung. Ruch führte aus, dass ein Unternehmen politische Rahmenbedingungen in wirtschaftlich messbare Größenordnungen überführen müsse. So müsse es einerseits Preise für Verbraucher und Industrie andererseits die verwendeten Primärenergieträger – Sonnenenergie, Wind- und Wasserkraft, Erdwärme, Biomasse, Holz, Kohle, Gas und Öl – zusammendenken. Gleichzeitig plane ein wirtschaftliches Unternehmen in langen Investitionszeiträumen. EWE habe sich auf die unter Robert Habeck eingeleitete Ausrichtung auf grüne Energie langfristig eingestellt. Dr. Ruch: „Wir haben bei uns einen Investitionsschub für die nächsten zwei Jahre von 16 Milliarden Euro vor uns.“ Die Abkehr von dieser Energiewende durch die jetzige Wirtschaftsministerin Katharina Reiche sei angesichts dieser Milliardeninvestitionen und davon abgeleiteten Renditeerwartungen absolut nicht förderlich.

"Kommunale Planungshoheit heißt nicht,
ich gehe nach Investoreninteresse"

Der Letschiner Bauamtsleiter Martin Wiese gab nachfolgend einen Einblick in den aktuellen Stand der Ausbauvorhaben von Freiflächen-Photovoltaikanlagen. Habe man noch vor vier Jahren eine „enorme Flut“ von PV-Anträgen zu bearbeiten gehabt, habe das merklich nachgelassen. Es herrsche insgesamt eine große Verunsicherung, zum einen, weil es sich wirtschaftlich weniger rechne, zum anderen nicht zuletzt, weil sich nach der letzten Kommunalwahl die Gemeindevertretungen kritischer gegenüber Freiflächenphotovoltaik positionierten. Während die Antragsflut für neue PV-Anlagen zurückgegangen sei, steige die Anzahl der Anträge für Batteriespeicher. Auf seine Wahrnehmung der Entwicklungen der vergangenen vier Jahre angesprochen, beschrieb Martin Wiese, dass die Interessenkonflikte „so hart und unversöhnlich aufeinandertreffen (…) dass es so emotional verhaftet ist.“ Es gehe viel um persönliche Betroffenheit von Menschen, die täglich mit den Auswirkungen der Anlagen konfrontiert seien. Die Rolle der Verwaltungen sehe Wiese nicht nur in dem notwendigen Abarbeiten der Aufgaben, sondern auch in der Moderation zwischen den beteiligten Parteien.

Toralf Schiwietz berichtete im Anschluss an seine Erfahrungen als direkt Betroffener: Als Bewohner eines Loose-Hofes sei er praktisch als letzter davon informiert worden, dass sein unmittelbarer Nachbar eine 18 Hektar große Freiflächen-Photovoltaikanlage direkt in der Sichtachse von und zu seinem Loose-Hof geplant habe. „Die Annahme, die ich hatte, war, (dass) kommunale Planungshoheit heißt, ich prüfe im Gemeindegebiet, wo es optimal ist, nach Regeln. Und nicht, ich gehe nach Investoreninteresse oder Eigentümerinteresse.“ Schiwietz wünsche sich grundsätzlich eine proaktive Information zu Anträgen und Vorhaben und habe bereits 2023 in einem offenen Brief an die Gemeindevertreter appelliert, dass Ämter und Kommunen übergreifend ein gemeinsames Planungskonzept zu Photovoltaik-Freiflächenanlagen erstellen sollten. Dies sei notwendig, da die Einnahmen aus der Flächenverpachtung für Landeigentümern auf ein breites Interesse stießen und Investoren und Flächenbesitzer profitierten, die zuerst die Anträge einbrächten. Zur bestmöglichen Wahrung des öffentlichen Interesses sei daher ein regionales Konzept für Freiflächen-PV erforderlich.

Toralf Schiwietz führte außerdem aus, dass das Oderbruch flächenmäßig schon lange die Ausbauziele für PV für 2040 erreicht habe. Sein Anliegen sei es, dass möglichst viel Wertschöpfung vor Ort für Kommunen und Einwohner ermöglicht werde und dabei möglichst wenig weitere Flächen im Oderbruch in Anspruch genommen würden. Mitwirkungsmöglichkeiten wie Energiegenossenschaften seien für ihn dabei ein probates Mittel. Er sei ein Befürworter grüner Energien, schloss er seinen Beitrag.

Die Offenheit für erneuerbare Energien
endet am eigenen Gartenzaun

Zum Ende der Gesprächsrunde führte Frank Schütz, ehemaliger ehrenamtlicher Bürgermeister von Golzow aus, wie er das Ziel, Ertrag und Wertschöpfung aus PV und Wind für seine Gemeinde zu fördern, verfolgt hatte. „Wenn man nach Golzow reinfährt, sieht man linker Hand eine ehemalige Mülldeponie, die mit einer PV-Anlage besetzt ist. Die hat einen Spitznamen bekommen, Schildkröte. Die spart der Gemeinde effektiv Geld und bringt der Gemeinde effektiv Pacht. Und so haben wir weitergedacht.“ Geplant habe man, die ehemalige Fernwärmeleitung der EWE zu nutzen, um die 86 kommunalen Wohnungen mit Wärme zu versorgen. Erzeugt werden sollte die Wärme durch Photovoltaik und Wind, maximal sieben Windkraftanlagen seien geplant gewesen, sogar mit größeren Abständen zu Wohnbebauung, als vorgeschrieben. Letztendlich aber habe die Mehrheit der Bürger keinen Mehrwert für sich in dem Vorhaben erkannt und es abgelehnt.

In der anschließenden Diskussion wurde schnell wieder deutlich, dass die Offenheit für erneuerbare Energien, sei es aus Wind oder aus Sonne, am eigenen Gartenzaun endet. Und natürlich durfte auch der Hinweis nicht fehlen, dass der Rückbau der Atomkraftwerke eine ganz furchtbare Entscheidung gewesen sei. Eine Ausführung von Dr. Ruch von EWE bleibt in Erinnerung: Zukünftig gehe es darum, Wertschöpfung vor Ort zu halten. Da durch Sonne und Wind (nachts scheint keine Sonne) die Volatilität steige, sei der Netzausbau und der Ausbau von Zwischenspeichern eine Herausforderung. Das System müsse wachsen und werde es auch, trotz aller Probleme. „Wenn wir uns die Energieversorgung der Vergangenheit anschauen, dann haben wir mehr oder weniger gelebt von russischem Gas und arabischem Öl. Und die letzten fünf Jahre haben gezeigt, es ist wohl nicht so die gute Entscheidung gewesen.“

Das Märchen vom teuren Strom

Nahezu ununterbrochen wird uns erzählt, die Energiewende sei für den teuren Strom verantwortlich. Dass das so nicht stimmt, lässt sich schnell erkennen. 

Stromgestehungskosten erneuerbare Energeien und konventionelle Kraftwerke in Deutschland 2024. Der Posten Kernkraft bezieht sich auf die Kosten bei angenommenem Neubau von Kernkraftwerken. Datengrundlage: Fraunhofer Institut.

Gern heißt es: „Wind und Sonne schicken keine Rechnung.“ Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) hat die Stromgestehungskosten nach Primärenergie für das Referenzjahr 2024 am Standort Deutschland untersucht (siehe Diagramm). Die Studie belegt klar den Preisvorteil der erneuerbaren Energien. Neben dieser auf Annahmen und theoretischen Szenarien fußenden Untersuchung steht die weltweite Entwicklung beim Ausbau erneuerbarer Energien. Wind und Photovoltaik wuchsen innerhalb eines Jahres weltweit im Vergleich zur relativ CO2-armen Kernkraft um 565 Gigawatt und damit über hundertmal so stark wie die Kernenergie. Das erfasst der World Nuclear Industry Status Report 2025. Ein Fakt, der die Erzählungen von teurer Wind- und Photovoltaikenergie als Märchen entlarvt.

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