Ehrenamt:

Ehrenhaft verhaftet – Zivilgesellschaft am Limit

Menschen kümmern sich in ihrer Freizeit ohne Bezahlung für die Gemeinschaft. Sie übernehmen Aufgaben in Vereinen, Verbänden, Initiativen und anderen Gruppen und investieren ihre Zeit und Energie für andere Menschen. Warum tun sie das? Von Juliane Roschitz

Beispielhaft für Ehrenamt: Bereits seit 2008 gibt es den Schulsanitätsdienst an den Evangelischen Johanniter-Schulen Wriezen. Zur Gründung waren es sechs Aktive, heute sind fast vierzig Kinder und Jugendliche der Klassenstufen 5 – 12 ehrenamtlich dabei, sich in der Freizeit Fachwissen der Ersten Hilfe anzueignen. Im Schulalltag leisten sie dann im Rahmen der Rufbereitschaft professionell Erste Hilfe.

Getragen wird das Ehrenamt von unterschiedlichsten Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Sie haben verschiedene Berufe, sind unterschiedlich alt, leben schon immer hier oder sind zugezogen. Gemeinsame Interessen und Ziele haben sie zusammengebracht. Meistens sind diese Menschen so organisiert, dass es einen Vorstand und Mitglieder gibt. Die Menschen im Vorstand haben zusätzliche organisatorische, leitende Aufgaben, für die sie oft nicht ausgebildet sind. Sie wachsen rein. Sie lernen dazu. Sie organisieren die Mitgliederversammlungen, Aktionen, verteilen Aufgaben, machen die Finanzen, führen Gespräche, beantragen die Straßensperrung für eine Veranstaltung und so vieles mehr. Die Mitglieder kommen zu Mitgliederversammlungen, helfen bei Aktionen, haben andere einzelne Aufgaben oder unterstützen finanziell durch ihren Mitgliedsbeitrag. Jedes Mitglied ist wichtig. Die aktiven Mitglieder halten alles am Laufen. Ohne diese aktiven Mitglieder läuft im Ehrenamt nichts. Sie tragen die Ehre und die Last des Engagements. Zurecht wird das Ehrenamt in den Himmel gelobt. So ziemlich alle sind sich einig, dass Ehrenamt eine riesige Leistung und eine wahrhaft ehrenvolle und dankenswerte Aufgabe ist.

Eine Studie der Universität Zürich zeigt,
dass es Persönlichkeitsmerkmale gibt, die mit ehrenamtlichem Engagement zusammenhängen. Gesellige, aktive, fröhliche, durchsetzungsfähige Menschen engagieren sich mit höherer Wahrscheinlichkeit ehrenamtlich.

Gleichzeitig werden die Anforderungen an Vereine, Initiativen, Verbände und an andere organisierte Strukturen immer größer. Da sind zum Beispiel das Finanzamt und das Amtsgericht, da sind die Themen Datenschutz, Umsatzsteuer, Vereinsrecht und GEMA. Und als wäre das nicht Zusatzaufwand genug, gibt es noch das Themenfeld: Mensch. So relevant sie für das Funktionieren von Verein und Initiative sind, so sehr gehören sie – laut Angaben zweier Selbsthilfegruppen und anderer Befragungen – auch zum größten Grund dafür, warum Leute ihr Engagement wieder zurückfahren oder gar beenden. Insgesamt gaben ausgestiegene Menschen an, dass sie auf Personen stießen, die den Verein als ihr „Eigentum“ ansahen, andere erwähnten als sehr unangenehm, dass neuen Mitgliedern kein Gehör gegeben, Änderungswünsche abgetan wurden. Einige waren enttäuscht, dass es zu unpersönlichen war und die pure Zweckerfüllung im Vordergrund stand. Wiederum andere gaben an, dass Aufgabenstellung unklar oder die Vorstandsarbeit unprofessionell war. Menschen, die wegen der sozialen Kontakte mitmachen wollten oder geordnete klare professionelle Strukturen benötigen, fühlen sich ohne diese Bedingungen nicht wohl und ziehen sich zurück. Auch wurden politische Differenzen als Rückzugsgrund angegeben. Zum einen intern, weil die eigene Ansicht verurteilt, bewertet oder rassistische Ansichten kundgetan wurden und extern, weil Menschen wegen ihres Ehrenamts bedroht wurden. Zudem gaben Menschen an, dass Ihnen die Aufgaben zu viel wurden und nicht mehr ausreichend Zeit für die Ausübung des Ehrenamtes zur Verfügung stand. 

Mitjemacht: Wer Lust hat die Welt des Ehrenamts zu bereichern aber nicht weiß, wie, wo und was, kann hier fündig werden: https://www.mitjemacht-brandenburg.de/mitjemacht/ oder auf den jeweiligen Webseiten der Organisationen. Oft stehen dort nächste Termine und Kontaktdaten.

Dennoch sind in Brandenburg zum Beispiel 800.000 Menschen im Ehrenamt organisiert. Was motiviert die Menschen und was hält sie im Ehrenamt? Ein wichtiger Grund ist, dass sich die eigenen Ziele und Interessen in einer Gruppe leichter verfolgen lassen als allein. Es ist leichter, Themen zu setzen und gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten, wenn mehrere Menschen dahinter stehen und viele Perspektiven berücksichtigt werden. Die Forderung einer Gruppe hat mehr Gewicht als die Forderung einer einzelnen Person. Im Ehrenamt können Menschen sich weiterentwickeln. Sei es in Form fachlicher Weiterbildungen, eines Trainerscheins, einer Moderationstechnik, des Wissens über Krebstiere und Niedrigwasser oder auch in Form persönlichen Wachstums. Durch den Umgang mit unterschiedlichen Menschen verbessert sich die Kommunikation, wird das Selbstvertrauen gestärkt und Erfahrungen gesammelt.

Das Gefühl der Selbstwirksamkeit bereitet vielen Menschen Freude. Netzwerke aufzubauen und darin eingebunden zu sein verbindet. Vereine, Initiativen, Verbände sind im besten Fall ein Stück Familie, im Normalfall aber stabiler Bekanntenkreis. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Ehrenamt Menschen mit unterschiedlichsten Motivationen und Erwartungen zusammenkommen und Menschen mit unterschiedlichen Charakteren, Persönlichkeitstypen und Sozialisierungen. Die Unterschiedlichkeit ist gleichzeitig Teil der Lösung und Teil des Problems. Weniger formelle Anforderungen, zuverlässige Mitglieder und ein professionelleres Arbeiten würden die Arbeit attraktiver machen. Die größten Herausforderungen sind das Erledigen der Formalia, die Organisation der Aufgaben und das Zusammenführen der unterschiedlichen Motivationen der Mitglieder.

Wie können diese Herausforderungen gelöst werden? Was kann getan werden, um Ehrenamt für alle attraktiver und zugänglicher zu machen? Wie kann Engagement gesteuert und langfristig gehalten werden? Dieser Frage gehen wir in einem weiteren Teil nach.

Ideenwettbewerb des Landes Brandenburg

Das Land Brandenburg führt auch dieses Jahr einen Ideenwettbewerb zum Thema Ehrenamt durch. Das Ziel des Wettbewerbs ist es, Vorschläge zur Stärkung des Ehrenamts zu erhalten. Dieses Jahr steht der Wettbewerb im Sinne der Zukunftsfähigkeit vom Ehrenamt. Es werden Projektideen gesucht, die Vereinsleben und Vereinsführung besser machen. Der Fokus liegt darauf, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und Überlastungen der Ehrenamtlichen in Form von emotionalen Belastungen, Stress, Zeitdruck und Konflikten zu verhindern. Zugleich geht es um die nachhaltige Sicherung des Vereinslebens, die Nachwuchsgewinnung und die Erleichterung von Arbeitsabläufen.“ Es sollen gute Beispiele sichtbar und verbreitet, Impulse zur Nachahmung gesetzt werden. Preisgelder stehen in Höhe von insgesamt 15.000 Euro zur Verfügung (1 x 5.000 Euro, 2 x 2.500 Euro und 5 x 1.000 Euro).

Ideen an Koordinierungsstelle Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement, Orden/Ehrungen, Telefon 0331-8661008, E-Mail: ehrenamt@stk.brandenburg.de

Hintergrund

Wer sind engagierte Personen?

36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, also circa 26,97 Millionen Menschen sind ehrenamtlich engagiert. Davon circa 40,2 Prozent der Menschen zwischen 14- bis 49 Jahren, 37,6 Prozent bei den 50- bis 64-Jährigen und 36,9 Prozent bei den 65- bis 75-Jährigen. Ab 75 Jahre sinkt der Anteil der Engagierten auf 21,1 Prozent.

Frauen und Männer sind gleich häufig engagiert, allerdings gibt es Unterschiede je Lebensphase. In der Gruppe der 30- bis 49-Jährigen sind Frauen häufiger engagiert. Ab dem 75. Lebensjahr sind es mehr Männer.

Das Engagement bei Menschen mit niedriger Schulbildung liegt bei 24,6 Prozent, mit mittlerer Schulbildung bei 35,9 Prozent und mit hoher Schulbildung bei 45,5 Prozent. Am höchsten ist das Engagement bei der Gruppe der Schüler:innen. Sie liegt bei 48,4 Prozent.

Das Engagement in ländlichen Räumen liegt bei 38,4 Prozent,  in städtischen Räumen bei 35,8 Prozent. In den westlichen Bundesländern ist der Anteil bei 37,3 Prozent, in den östlichen Bundesländern bei 34,0 Prozent.

(Stand 2024)

Anteil der engagierten Personen nach Bereichen

  • 12,9 Prozent Sport und Bewegung
  • 7,9 Prozent Sozialer Bereich
  • 6,3 Prozent Kultur und Musik
  • 6 Prozent Schule und Kindergarten
  • 5,6 Prozent kirchlicher oder religiöser Bereich
  • 4,9 Prozent Freizeit
  • 3,8 Prozent Ökologie, Klima-, Umwelt-, Natur- und Tierschutz
  • 3,1 Prozent im Unfall- oder Rettungsdienst, der freiwilligen Feuerwehr, dem Bevölkerungs- und Katastrophenschutz 
  • 3,1 Prozent außerschulische Jugendarbeit, Bildung für Erwachsene
  • 2,7 Prozent Politik und politische Interessenvertretung
  • 1,8 Prozent berufliche Interessenvertretungen außerhalb des Betriebes
  • 1,3 Prozent Gesundheitsbereich
  • 0,6 Prozent Justiz und Kriminalitätsprobleme
  • 1,8 Prozent sind in anderen Bereichen aktiv

Energie ist das Jahresthema des Oderbruchmuseums in Altranft. Zum Auftakt gab es eine spannende Auseinandersetzung zur Lage der Energiegewinnung im Oderbruch ...

Seit Jahren steht der Bahnhof Seelow-Gusow leer. Nun will ein Förderverein den Bahnhof zu einem Begegnungsort entwickeln. Wie neues Leben hier aussehen könnte, wurde am 11. April bei einem Bürgerdialog erkundet, zu dem das Amt Seelow-Land eingeladen hatte.

Schülersanitätsdienst bei einem Übungswochenende

Menschen kümmern sich in ihrer Freizeit ohne Bezahlung für die Gemeinschaft. Sie übernehmen Aufgaben in Vereinen, Verbänden, Initiativen und anderen Gruppen und investieren ihre Zeit und Energie für andere Menschen. Warum tun sie das?

Frei in freier Natur. Im Garten unterliegen auch Bäume deutscher Bürokratie. Und wehe, sie stehen zu nah am Gartenzaun. Förderung wird dadurch schwierig. Foto: jro

Die Baumförderrichtlinie fördert Privatpersonen bei der Anpflanzung von Baum– und Strauchbeständen auf ihrem Grundstück. Gesetzliche Regelungen begrenzen die Möglichkeiten. Sie ist schwer umsetzbar. Diese Erfahrung macht auch Petershagen-Eggersdorf.

„Strausberg 1945 – ein schwerer Start“ Zu dem Vortrag des Akanthus-Vereins war das Stadtmuseum bis auf den letzten […]

18 Millionen Euro gab der Kreis 2025 für den Öffentlichen Nahverkehr in Märkisch-Oderland aus. Lohnt sich das?

In der letzten Februarwoche fand die bundesweite Aktionswoche Childs of Addicts (CoA) für Kinder aus suchtbelasteten Familien statt. Um lokal auf das Thema und Angebote zur Selbsthilfe für Jugendliche hinzuweisen, hatte die Selbsthilfekontaktstelle in Bad Freienwalde Ende Februar zu einem solchen Selbsthilfetermin eingeladen.

„Demokratie fehlt Begegnung“ heißt das neue Buch von Rainald Manthe, das er am 20. März in der Stadtpfarrkirche Müncheberg vorstellte. Der Autor konstatiert anschaulich: "Es gibt in Deutschland einen ganz erheblichen Vertrauensverlust: Menschen vertrauen einander und infolgedessen auch Institutionen und der Demokratie immer weniger.“