Neues Leben für alten Bahnhof

Ein Förderverein will den Bahnhof Seelow-Gusow entwickeln. Die Einwohner waren zur Ideenschmiede eingeladen. Von Steffen Blunk

Rund 150 Interessierte folgten der Einladung des im Februar gegründeten Fördervereins Bahnhof Seelow-Gusow. Viele schwelgten in Erinnerungen an Zeiten, in denen sie selbst das Bahnhofsgebäude noch genutzt hatten. Foto: sbl

Wer mit dem Zug durch Märkisch-Oderland reist, steigt meist nur noch an Haltepunkten ein oder aus, nur selten an einem Bahnhof. Ein neuer Bahnsteig bietet mit dort etwas Glück bei Regen einen Unterstand für wenige Reisende, manchmal gibt es einen Fahrkartenautomaten. Was man früher unter „Bahnhof“ verstand, Warteräume, Gastronomie, öffentliche Toiletten, ist heute oft nur noch Ruine, vom Leerstand gezeichnet und von Vandalismus. Die Deutsche Bahn zieht sich längst aus der Verantwortung des Unterhalts, es lässt sich viel Geld sparen, wenn der Bahnhof abgeschlossen und möglichst verkauft wird. Mit etwas Glück finden sich dann Liebhaber, die den langen Genehmigungsprozess zur Umnutzung aushalten und dann ein eigenwilliges, reizvolles Zuhause zu haben, wie etwa der Bahnhof Schulzendorf, der an der seit langem stillgelegten Wriezener Bahn liegt.

Anders als die Wriezener Bahn ist die Ostbahn ganz und gar nicht stillgelegt. Sie ist im Gegenteil so erfolgreich, dass sie immer wieder in die Schlagzeilen gerät. Die RB 26 hält unter anderem in Seelow-Gusow. Hier liegt, wenn auch vom heutigen Haltepunkt etliche Meter entfernt, ein altes Bahnhofsgebäude, dem jetzt ein Förderverein neues Leben einhauchen will. Wie dieses Leben aussehen könnte, wurde am 11. April bei einem Bürgerdialog erkundet, zu dem dieser Förderverein eingeladen hatte. Hans-Georg von der Marwitz, Eigentümer des Bahnhofsgebäudes und stellvertretender Vorsitzender des erst im Februar gegründeten Fördervereins, begrüßte rund 150 Neugierige auf dem Bahnhofsvorplatz und stellte Verein und Vorhaben vor. Dass er sich persönlich für den Erhalt und die Nutzung des Bahnhofs einsetzt, liegt nahe, war es doch sein Vorfahr Bernhard von der Marwitz, der als Lebuser Landrat nicht nur dafür sorgte, dass Seelow Kreisstadt wurde, sondern 1866 auch den Bahnhof Gusow eröffnete. Sein Nachfahr also kaufte den Bahnhof vor kurzem und will ihn nun mit Hilfe vieler Hände nutzbar machen. „Wir brauchen zweieinhalb Millionen Euro“, skizzierte von der Marwitz die Größenordnung der notwendigen Eigenmittel, aber er könne die Anwesenden beruhigen. Rund 650.000 Euro seien schon vorhanden. Die Architektin Avital Greenshpon ergänzte in einem Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Gesamtinvestitionssumme auf rund sieben Millionen Euro geschätzt werde, sich die Summe aber noch nicht abschließend berechnen lasse.

Sie und ihr Kollege Ferdinand Knecht – letzterer ist auch Vorsitzender des Fördervereins – stellten die aktuellen Pläne vor. Sie betonten aber, dass es ihnen vor allem auf die Mitwirkung der Einwohnerinnen und Einwohner ankomme. Vorstellbar sei in den Räumen des Erdgeschosses ein Café und Gastronomie mit einem Biergarten hinter dem Gebäude. Im Keller könnten öffentliche Toiletten sowie Seminar- und Tagungsräume entstehen. Und schließlich seien im Obergeschoss Hotelzimmer denkbar.

Im Inneren des Bahnhofs zeigten sich den Besuchern beeindruckende und ehemals elegante Räume, hoch, mit Resten von Holzvertäfelungen. Viele Bereiche sind wegen Baufälligkeit gesperrt – und dennoch: mit etwas Fantasie sieht man die Räume sofort belebt von Cafégästen und zwischen den Tischen herumrennenden und spielenden Kindern. Woher die Gäste kommen könnten, hier im etwas abgelegenen Bahnhof, wird sich zeigen müssen.

Für den Bürgerdialog hatten die Planer Papierbögen an die Wand gehängt und dicke Filzstifte ausgelegt, damit man – in Kapitel unterteilt – seine eigenen Ideen und Wünsche, Sorgen und Erwartungen eintragen konnte. Mit Klebepunkten konnte man zudem eine Gewichtung der Wünsche markieren. Die Anwesenden nahmen mit Freuden die Chance wahr, schrieben ihre Ideen auf und vertieften sich in Gespräche über Sinn und Unsinn der Wiederbelebungsmaßnahmen. Im Nachgang dieses Tages zeigte sich Avital Greenshpon überrascht, wie positiv die Menschen das Angebot zur Partizipation wahrgenommen hätten: „Damit haben wir nicht gerechnet!“ Auf die Frage, wann der erste Kaffee im Café oder das erste Bier im Biergarten getrunken wurde, lachte sie: „Wenn es nach uns geht, natürlich so schnell wie möglich“. Sollte es mit der Bewilligung der Fördermittel gut laufen, könne 2027 mit den Arbeiten begonnen werden.

Tatsächlich würde ein Café, ein Restaurant und Biergarten von vielen gern gesehen, das zeigte sich auf den Plakaten schnell. Zumindest aber sollte es ein Angebot an Getränken, belegten Brötchen und Snacks für die Pendler geben. Nötig seien öffentliche Sanitäranlagen und ein beheizter Warteraum. Diese Wünsche erhielten schnell eine ordentliche Anzahl an Klebepunkten. Nicht nur für Pendler sei ein Bäcker gut, so ließ sich auf den Papierbögen lesen. Und auch andere Ideen fanden ihren Weg auf die Plakate, etwa ein kleines Kraftsportstudio oder eine Sauna, Geldautomat und Fahrradverleih. „Wir haben in Gesprächen auch immer wieder herausgehört, dass es einen hohen Bedarf an niedrigschwelligen Orten gibt, also Orten, an die man häufiger gehen kann, um sich mit anderen Menschen zu treffen, auch Orte für Familien“, sagte Avital Greenshpon im Gespräch mit unserer Zeitung. Überprüft werden solle noch die Idee, Ärzte in dem Gebäude unterzubringen, denn auch dieser Vorschlag sei gekommen.

Dass aber Bahnhof irgendwie auch mit Bahnfahren zu tun hat, machte der Besucher deutlich, der auf die Frage „Was fehlt Ihnen aktuell als Pendelnde und Reisende am Bahnhof“ antwortete: „Pünktlicher Zugverkehr“.

Website des Fördervereins: https://www.63komma5.de/

Frei in freier Natur. Im Garten unterliegen auch Bäume deutscher Bürokratie. Und wehe, sie stehen zu nah am Gartenzaun. Förderung wird dadurch schwierig. Foto: jro

Die Baumförderrichtlinie fördert Privatpersonen bei der Anpflanzung von Baum– und Strauchbeständen auf ihrem Grundstück. Gesetzliche Regelungen begrenzen die Möglichkeiten. Sie ist schwer umsetzbar. Diese Erfahrung macht auch Petershagen-Eggersdorf.

Energie ist das Jahresthema des Oderbruchmuseums in Altranft. Zum Auftakt gab es eine spannende Auseinandersetzung zur Lage der Energiegewinnung im Oderbruch ...

Schülersanitätsdienst bei einem Übungswochenende

Menschen kümmern sich in ihrer Freizeit ohne Bezahlung für die Gemeinschaft. Sie übernehmen Aufgaben in Vereinen, Verbänden, Initiativen und anderen Gruppen und investieren ihre Zeit und Energie für andere Menschen. Warum tun sie das?

Seit Jahren steht der Bahnhof Seelow-Gusow leer. Nun will ein Förderverein den Bahnhof zu einem Begegnungsort entwickeln. Wie neues Leben hier aussehen könnte, wurde am 11. April bei einem Bürgerdialog erkundet, zu dem das Amt Seelow-Land eingeladen hatte.

„Demokratie fehlt Begegnung“ heißt das neue Buch von Rainald Manthe, das er am 20. März in der Stadtpfarrkirche Müncheberg vorstellte. Der Autor konstatiert anschaulich: "Es gibt in Deutschland einen ganz erheblichen Vertrauensverlust: Menschen vertrauen einander und infolgedessen auch Institutionen und der Demokratie immer weniger.“

„Strausberg 1945 – ein schwerer Start“ Zu dem Vortrag des Akanthus-Vereins war das Stadtmuseum bis auf den letzten […]

18 Millionen Euro gab der Kreis 2025 für den Öffentlichen Nahverkehr in Märkisch-Oderland aus. Lohnt sich das?

In der letzten Februarwoche fand die bundesweite Aktionswoche Childs of Addicts (CoA) für Kinder aus suchtbelasteten Familien statt. Um lokal auf das Thema und Angebote zur Selbsthilfe für Jugendliche hinzuweisen, hatte die Selbsthilfekontaktstelle in Bad Freienwalde Ende Februar zu einem solchen Selbsthilfetermin eingeladen.