„Rücktritt ist keine Frage, ob man Mann oder Frau ist“

In der dritten Ausgabe von DER BLICK berichteten wir über den Rücktritt von Carolin Schönwald aus dem Kreistag Märkisch-Oderland. Im Text war von einer weiteren Frau die Rede, die ebenfalls ihr Mandat zurückgab. Es ging um Anja Frohloff. Sie war bis Oktober 2025 für die CDU im Kreistag. Wir sprachen mit ihr über ihre Entscheidung. Von Juliane Roschitz

Frau Frohloff, beruflich engagieren Sie sich für Menschen mit körperlichen, seelischen und geistigen Einschränkungen, privat für Menschen mit einer Krebserkrankung und ihre Angehörigen.
Frohloff: Ja, seit 2012 bin ich Geschäftsführerin des Vereins Leben mit Handicap – ANIMA e. V. Das ist ein Verband mit rund 20 hauptamtlich Beschäftigten. Wir sind Träger des Integrationsfachdienstes für die Region MOL, LOS und die Stadt Frankfurt (Oder) und beraten schwerbehinderte Menschen sowie deren Arbeitgeber rund um den ersten Arbeitsmarkt. Weiterhin habe ich vor inzwischen 16 Jahren die Krebshilfe Märkisch-Oderland gegründet, um Krebspatienten und ihre Familien in der Region zu unterstützen. Dieses Ehrenamt kostet viel Zeit, denn in erster Linie geht es um Gespräche und einen Austausch zu einer individuellen Ausnahmesituation. Seit drei Jahren bin ich auch im Vorstand eines Schulfördervereins aktiv, in dem ich vor über einem Jahr auch den Vorsitz übernommen habe.

Und das ist nicht alles, oder?
Frohloff: Nein. Ich war auch im Kreiselternrat aktiv und war Ortsvorsitzende der CDU Petershagen/Eggersdorf. Und dann wurde ich im Juli 2024 noch mit fast 3000 Stimmen in den Kreistag Märkisch-Oderland gewählt.

Was war hier Ihre Motivation, dieses Ehrenamt anzunehmen?
Frohloff: Angenommen habe ich dieses Mandat, weil ich tatsächlich was verändern wollte und dazu beitragen, dass funktionierende Strukturen im Bildungs- und Gesundheitsbereich weiter aufrechterhalten werden.

Hat das funktioniert?
Frohloff:
Ich bereitete mich intensiv auf jede Sitzung vor, stellte vorab bei der Kreisverwaltung Fragen, wenn mir weiterführende Infos fehlten, und war in meinem Wahlkreis auch immer Ansprechpartnerin für Fragen und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger. Doch je länger ich in meinem Mandat war, hinterfragte ich die Sinnhaftigkeit.

Warum konkret?
Frohoff: Ich erinnere mich da an Sitzungen, die bis 22 Uhr gingen und schlussendlich doch vertagt werden mussten, weil man nicht zum Ende kam. Für mich ist die Geschäftsordnung des Kreistags tatsächlich zu hinterfragen. Insbesondere auch Regelungen zum Umfang der Rednerlisten. Manche Diskussion hätte deutlich kürzer gehalten werden können. Stattdessen erlebte ich rhetorisch-polemische Beiträge, die dem römischen Senat würdig gewesen wären. Die Sache weitergebracht haben diese Beiträge aber nicht. Ich bin ein großer Anhänger von Sitzungseffizienz. Das habe ich dort, bei allem Sinn für Demokratie und Meinungsfreiheit, nicht erlebt.

Das ist frustrierend, vor allem, wenn Zeit so kostbar für einen ist und Sie vermutlich bei den anderen Ehrenämtern sehen, wie Sitzungen auch laufen können.
Frohloff: Ja, kostbare Lebenszeit. Und irgendwann kam für mich der Punkt, mich zu hinterfragen, welche Aufgabe ich fallen lassen muss. Denn die Krebshilfe MOL hatte so viele Patienten wie noch nie. Durch Corona war jedoch mein ehrenamtliches Netzwerk zusammengebrochen und ich war zeitweise Einzelkämpferin. Gleichzeitig boomte auch der Förderverein und auf Arbeit musste Personalveränderungen kompensiert werden.

Carolin Schönwald hat es ähnlich berichtet. Sie hat ihre Wirksamkeit nicht in diesem Gremium gesehen. Und dass es wirksamer geht, sieht man Frau Schönwalds und Ihrem Engagement außerhalb des Kreistags.
Frohloff:
Ja, und so traurig es klingt: Ich musste mich gegen das Ehrenamt entscheiden, mit dem ich am wenigsten erreichen kann. Und das war für mich das Kreistagsmandat.

Jetzt sind zwei Frauen zurückgetreten. Eigentlich schon drei. Aber eine wurde auch von einer Frau nachbesetzt. Ist das Zufall?
Frohloff: So ein Rücktritt ist keine Frage, ob man Mann oder Frau ist, verheiratet oder ledig, Mutter oder kinderlos. Diese Rollen zu diskutieren, war nie mein Ding. Sondern es ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Frohloff: Auf allen Ebenen wurde und werde ich immer wieder mit Schwachstellen im politischen System konfrontiert, die die Bildungs- und Gesundheitspolitik betreffen. Dadurch war es für mich nur logisch, mich 2020 einer politischen Vereinigung anzuschließen und mich mit meinen praktischen Erfahrungen einzubringen, um Lösungen zu entwickeln.

Wie geht es Ihnen heute mit der Entscheidung, das Mandat abgegeben zu haben?
Frohloff: Sehr gut. Ich vermisse nichts. Auch den Ortsvorsitz habe ich in gute Hände abgeben können. Dennoch stehe ich allen ehemaligen Mitstreitern gerne beratend zur Seite.

Sie haben die Geschäftsordnung angesprochen. Haben Sie konkrete Vorschläge, wie die Kreistagsarbeit effizienter sein kann?
Frohloff: Ich finde die Sitzungszeiten sehr schwierig und dass die Sitzungen erst um 17 Uhr beginnen. Meist war bereits gegen 20 Uhr der Punkt erreicht, wo ich beim Blick in den Saal merkte, dass die Konzentration deutlich nachließ. Was man nach einem langen Arbeitstag sowie einer langen Autofahrt nach Seelow durchaus menschlich nachvollziehen kann.

Gibt es etwas, was Sie den übrigen Kreistagsmitgliedern für ihre Arbeit im Kreis mitgeben möchten?
Frohloff: Ich wünsche ihnen vor allem ein glückliches Händchen für unseren schönen Landkreis.

Hintergrund

Krebshilfe Märkisch-Oderland

Wahrscheinlich jeder kennt mindestens eine Person mit einer Krebserkrankung. Viele Möglichkeiten der Prävention, der Früherkennung und immer bessere Behandlungsmethoden tragen dazu bei, dass die Sterblichkeit in fast allen Altersgruppen zurückgegangen ist. Dennoch bleibt Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Für Menschen, die eine Krebsdiagnose erhalten, verändert sich alles. Der Alltag gerät ins Wanken, die Priorität liegt auf der Genesung. Und trotzdem müssen die Betroffenen und ihr Umfeld jetzt funktionieren. Was sind die nächsten Schritte, was gibt es für unterstützende Möglichkeiten?

Die Krebshilfe Märkisch-Oderland unterstützt genau hier. Sie berät, begleitet und unterstützt ehrenamtlich Krebspatient:innen und ihre Angehörigen in emotionalen und bürokratischen Belangen.

Weitere Informationen, Kontakt und Spendenkonto:

https://www.krebshilfe-mol.de

Lesen Sie zum Thema „Frauen in der Politik“ auch unser Interview mit Celeste Schubert: Stadtverordnete in Wriezen: Allein unter Männern

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