Stadtverordnete in Wriezen: Allein unter Männern

Der Rückzug Carolin Schönwalds aus dem Kreistag hat das grobe Missverhältnis zwischen weiblichen und männlichen Kommunalpolitikerinnen in den Fokus gerückt. Besonders drastisch ist es in Wriezen, wo Celeste Schubert die einzige Frau neben 17 männlichen Stadtverordneten ist. Ein Gespräch über Naivität, Frust und das Fehlen weiblicher Perspektiven. Von Steffen Blunk

Tierärztin Celeste Schubert (rechts) bei der Arbeit. Ehrenamtlich sitzt sie für die Wählerverenigung „Wriezen Richtung Zukunft“ in der Wriezener Stadtverordnetenversammlung. Als einzige Frau zwischen 17 Männern. Foto: Sandra Konrad

Frau Schubert, in der letzten Ausgabe hatten wir die Zahl weiblicher Vertreterinnen in den Kommunalparlamenten thematisiert. In allen Gremien gibt es deutlich weniger Frauen als Männer. Wriezen sticht im Landkreis Märkisch-Oderland noch einmal besonders heraus, von 18 Stadtverordneten ist nur eine weiblich, das sind Sie. Wie ist es, in dem Sitzungssaal inmitten einer Riege – überwiegend auch noch alter – Männer zu sitzen?
Schubert: Anfangs war das etwas seltsam. Aber da war für mich und auch unsere Fraktion ja ohnehin alles sehr neu, wir hatten noch keine Erfahrung. Jetzt, nach zwei Jahren denke ich im Großen und Ganzen gar nicht so häufig darüber nach. Es fällt nur bei manchen Themen auf, dass andere Perspektiven noch sinnvoll und gut wären. Mich begleitet das aber nicht bei jeder Sitzung. Es ist vermutlich leider Alltag geworden. Aber die anderen Stadtverordneten treten mir gegenüber auch relativ respektvoll auf.

Sie haben gesagt, bei manchen Themen fehlt die weibliche Perspektive, haben Sie Beispiele?
Schubert: Natürlich gerade, wenn es um Kinder, Jugendliche geht, um Schulen, Kitas. Da denke ich, wäre es hilfreich, noch mehr Perspektiven von anderen Frauen und Müttern zu bekommen. Diese Themen betreffen ja auch alle, aber es fehlt häufig der weibliche Blick.

Wie schaffen Sie es denn, als einzige Frau diese Perspektive im ersten Schritt in ihre Fraktion und dann in die Stadtverordnetenversammlung zu bringen?
Schubert: Ich habe zum einen das Glück, dass die Herren in meiner Fraktion offen sind. Sie haben tolle Frauen hinter sich stehen, die diese weiblichen Perspektiven auch mit einbringen. Wir haben auch in unserer Fraktion Frauen, die ihre Blickwinkel vertreten. Die werden darüber dann auch in die Stadtverordnetenversammlung getragen. Und im Bildungsausschuss, dessen Vorsitz ich ja habe, haben wir auch sachkundige Einwohnerinnen, so dass ich denke, dass wir das da schon offener gestalten und beide Seiten einbringen, wenn man das rein auf die Geschlechter reduzieren möchte.

„Wir sind sehr motiviert und manchmal
auch naiv an die Sache herangegangen“

Wie sind Sie zur Politik gekommen?
Schubert: Ich wurde da mehr oder weniger reingeschubst. Wir haben 2024 ja spontan die Wählergruppe gegründet. Christian Kindler kam damals auf verschiedene Menschen zu und hat gefragt: „Habt Ihr nicht Lust?“ Da hat man nicht lange darüber nachgedacht. Ich bin hier geboren, hier zur Schule gegangen und nach dem Studium wieder hierhergekommen. In Anbetracht dessen möchte man die Stadt ja auch für die Kinder weiterhin lebenswert gestalten. Das war der Ansporn, da einfach ja zu sagen. Dass das funktioniert hat, ist umso schöner.

Haben Sie es schon mal bereut?
Schubert: Nein, das nicht. Es ist etwas, das weit außerhalb meiner Komfortzone liegt. Ich bin ein sehr ruhiger Mensch, eher ein bisschen zurückgezogen. Jetzt mit und vor anderen Menschen zu diskutieren und meine Perspektiven einzubringen … ja, das hat mich am Anfang sehr viel Überwindung gekostet. Und manchmal ist Kommunalpolitik frustrierend. Wir sind sehr motiviert und auch sehr naiv an die Sache herangegangen und wurden schnell und manchmal auch hart ausgebremst. Das ist okay, wir lernen dazu. Die Arbeit kostet manchmal sehr viele Nerven und ist schwer, aber bereut habe ich es nicht.

Kommunalpolitik heißt viel Arbeit und viel Frustration?
Schubert: Dadurch, dass wir keine Erfahrung hatten, sind wir ja wie gesagt, sehr naiv an die Sache herangegangen. Wir haben damals gedacht: „Okay, jetzt können wir Wriezen verändern!“ Man lernt dann schnell, dass gerade das Thema Haushalt sehr limitierend ist. Dass andere Ansichten anderer Fraktionen sehr limitierend sein können. Dass es Leute gibt, die vielleicht auf Grund des Alters jede Veränderung scheuen. Das macht es schwerer voranzukommen und gute Ideen einzubringen. Trotzdem sind wir weiterhin motiviert, dranzubleiben und das auch den Bürgerinnen und Bürgern nahezubringen. Es gab auf den Wahllisten ja deutlich weniger Frauen als Männer. Es wäre natürlich schön, wenn wir das in drei Jahren anders erleben würden, wenn dann auch mehr Frauen den Schritt wagen würden. Es ist ja auch nicht so, dass Frauen unsichtbar wären. Wir haben einige Ortsvorsteherinnen, einige sachkundige Einwohnerinnen. Aber ja, eine größere Anzahl wäre gut. In Ihrem Interview hat Frau Schönwald einen schönen Satz gesagt (siehe Ausgabe 3 …), dass Kommunalpolitik für Bürgerinnen nicht so wahrnehmbar ist, weil es mehr ums Verwalten als ums Gestalten geht. Das fand ich sehr, sehr treffen. Das war etwas, das wir erstmal lernen mussten, dass man nicht sofort die Welt verändern kann.

Woran liegt es, dass Kommunalpolitik mehr verwaltet als gestaltet? Liegt es an der Kommunalverfassung, liegt es an der Zusammensetzung der Stadtverordnetenversammlung oder an der Verwaltung selbst, die Ihnen Vorlagen vorgibt, über die Sie dann nur noch abzustimmen haben?
Schubert: Ja, manchmal ist es schon ein bisschen so, dass man vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Es gibt sehr engagierte Mitarbeiter:innen in der Stadt, sie geben alle ihr Bestes. Manchmal sind wir auch in den Prozess des Entstehens einer Vorlage gut eingebunden. Aber manchmal werden wir auch vor vollendete Tatsachen gestellt und haben nur noch die Wahl zu überlegen, ob man seinen Arm bei Ja oder bei Nein hebt.

Steckbrief

Foto: Sandra Konrad

Celeste Schubert wurde 1995 in Wriezen geboren. Sie studierte Tiermedizin in Berlin und arbeitet heute als Tierärztin in einer Praxis in Strausberg.

Zur Kommunalwahl im Juni 2024 gründete sich die Wählergruppe „Wriezen Richtung Zukunft (WRZ)“, der Celeste Schubert als Kandidatin angehörte. Sie wurde mit drei weiteren Kandidaten in die Stadtverordnetenversammlung gewählt.

Vor einigen Monaten erregte sie mit ihrer Forderung nach einer Kastrationspflicht für Freigängerkatzen Aufsehen. 

Celeste Schubert leitet den Bildungsausschuss und ist Vorsitzende ihrer Fraktion.

„Ich finde, dass Diskussionen
oft relativ ergebnislos sind“

Viele Menschen kennen das Verfahren von Beschlussfassungen gar nicht, vielleicht schildern Sie uns kurz den Weg einer Vorlage?
Schubert: Beschlussvorlagen kommen zunächst in die Fachausschüsse, werden dort diskutiert. Dort wird dann auch das erste Meinungsbild gefunden, die erste Abstimmung findet statt. Wir treffen uns als Fraktion vor der Stadtverordnetenversammlung und besprechen die Beschlussvorlagen, diskutieren unsere Meinungen untereinander, so dass wir dann in der Stadtverordnetenversammlung darüber abstimmen können. Die Vorlage kann ja in der Stadtverordnetenversammlung auch noch einmal diskutiert werden und ab und zu werden die Beschlüsse auch noch einmal in die Ausschüsse zurückverwiesen.

Wie erleben Sie die Diskussionen in den Ausschüssen?
Schubert: In unserer Runde im Bildungsausschuss diskutieren wir auf Augenhöhe, ich fühle mich da gut aufgehoben. Das funktioniert friedlich und mit guter Stimmung. In anderen Ausschüssen sind die Diskussionen schon manchmal hitziger. Ich finde auch, dass die Diskussionen oft relativ ergebnislos sind. Also, jeder gibt seine Meinung wieder, dann geht es zum nächsten Thema. Eigentlich weiß man vorher, wie jeder abstimmt, es gibt keine Kompromissfindung oder eine Überraschung.

Sie sind berufstätig, Mutter von zwei Kindern, zudem jetzt die Arbeit in der Kommunalpolitik – wie viel Gewicht nimmt die Politik ein?
Schubert: Da ist man schon einige Abende im Monat beschäftigt! Es ist immer ein Jonglieren mit Familienleben und Arbeitsleben und funktioniert auch nur, wenn man Menschen hat, die hinter einem stehen, einen unterstützen, die zum Beispiel die Kinderbetreuung übernehmen.

Sehen Sie diese Vielfachbelastung als Grund, warum viele wieder aussteigen aus der Kommunalpolitik?
Schubert: Auf jeden Fall. Es ist ja auch so, dass Frauen – nicht nur Frauen, aber eben oft sie – auch noch andere Ehrenämter innehaben. Ich bin zum Beispiel noch Elternvertreterin in der Klasse meiner Tochter. Viele Frauen sind in Vereinen aktiv, in Kitaausschüssen und so weiter. Dass einem das manchmal alles zu viel wird, verstehe ich total. An den Punkten war ich auch schon ab und an und dachte: „Gott, macht das alles Sinn?“. Und weil die Kommunalpolitik auch noch viel Frust mit sich bringt, ist sie vielleicht das, was man am Ehesten wieder abstoßen möchte. Und es ist häufig auch ganz klischeehaft so, dass die Frau die Kinder mehr betreut als der Mann und dass die Männer dann leichter sagen können: „So, ich bin dann heute Abend mal weg.“

„Es wäre schön, wenn man junge Menschen
gewinnen könnte zu kandidieren“

Kommunalpolitik wird also insgesamt eher von Männern und eher von Älteren bestimmt. Haben Sie eine Idee, wie man das in Hinblick auf die kommenden Wahlen ändern kann?
Schubert: Ich glaube, dass man für Kommunalpolitik mehr dort werben muss, wo junge Menschen sich aufhalten. Also in Sozialen Medien, aber auch in Schulen. Nicht in Form von Parteienwerbung, sondern in dem Sinne, das man erklärt: was passiert da im Rathaus überhaupt. Dass man parteiunabhängig dafür sensibilisiert, was es für Möglichkeiten gibt sich einzubringen. Und als Wählergruppe versuchen wir natürlich auch weiterhin junge Leute dafür zu gewinnen, sich für Wriezen zu engagieren. Wir wollen unsere Stadt lebenswert machen, ein Stück weit besser gestalten. Es wäre natürlich schön, wenn man dafür junge Menschen gewinnen kann, in drei Jahren dann auch zu kandidieren.

Gibt es Themen, bei denen Sie sagen, die wären leichter durchzusetzen, wenn es mehr Frauen im Stadtparlament gäbe?
Schubert: Wir haben zum Beispiel eine nicht besetzte Stelle einer Gleichstellungsbeauftragten. Seit vielen Jahren. Ich glaube, dass keiner Interesse hat, diese Stelle zu besetzen. Es gab einen Versuch, da hat sich niemand beworben. Aber seitdem wird nichts mehr unternommen. Ich denke, dafür müsste man mehr Werbung machen, immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass diese Stelle unbedingt besetzt werden muss. Ansonsten gibt es in der Kommunalpolitik vielleicht nicht so viele Mann-Frau-Themen wie in der Bundespolitik, aber alles was Kitas, Schulen, Jugendförderung betrifft, wäre mit mehr Frauen vielleicht leichter zu gestalten. Und es gibt sicherlich frauenspezifische Themen, die eigentlich superwichtig sind, wo wir uns aber so an die Zustände gewöhnt haben, dass es uns selbst gar nicht mehr auffällt, wie notwendig es wäre, daran zu arbeiten.

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