Wiedervernässung – Moorschutz für das Klima

Freigesetztes CO2 führt zu höheren Temperaturen. Um sie zu senken braucht es CO2-Speicher, wie zum Beispiel Torf in intakten nassen Mooren. Wiedervernässungsmaßnahmen treffen auf menschliche Lebensrealitäten. Von Juliane Roschitz

Idealfall: Die Lange Damm Wiesen sind ein erfolgreiches Projekt für Wiedervernässung mit offenen Flächen mit einigen Wasserstellen. Foto: Gerd Haase

Die Erde erwärmt sich von Jahr zu Jahr mehr. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Eine Ursache ist CO2 in der Atmosphäre, wodurch die Reflexion der Wärmestrahlung eingeschränkt möglich ist und stattdessen in der Luft, im Wasser, im Gestein aufgenommen wird. Diese Erwärmung stellt ein großes Problem für die Natur und die Menschen dar und betrifft sie je nach ökonomischem Status, Wohnort, Beruf, Alter, Erkrankungen unterschiedlich schwer. Stoppen wir die Erwärmung nicht, verändern sich grundlegende Wirkmechanismen der Natur und folglich die bisher bekannten Methoden und Prozesse der Menschen. Die Anpassung an diese Veränderungen sind teuer und gehen mit Einschränkungen für das Leben der Menschen einher. Umso länger die Erwärmung ungebremst erfolgt, umso massiver werden die Einschnitte ins bisherige Leben der Menschen sein.
Im Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015 wurde deshalb von 195 Ländern vereinbart, dass der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur begrenzt werden soll, dazu Emissionen gesenkt werden und notwendige Anpassungen an den Klimawandel erfolgen und die Finanzmittel im Einklang mit den Klimaschutzzielen gelenkt werden sollen. Konkret wurde das Ziel vereinbart, den weltweiten Temperaturanstieg auf möglichst 1,5 Grad Celsius zum vorindustriellem Zeitalter zu beschränken.  Um dieses Ziel zu erreichen wurde vereinbart, dass in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht mehr klimaschädliche Gase ausgestoßen werden, als der Atmosphäre durch sogenannte Kohlenstoffsenken, also Wälder oder Moore, entzogen werden können. Diese sogenannte „Treibhausgas-Neutralität“ kann nur erreicht werden, wenn zum einen schnell und konsequent deutlich weniger Kohlenstoff freigesetzt wird und zum anderen die Kohlenstoffsenken geschützt und vergrößert werden. Und damit kommen wir zum Thema dieses Textes – die Wiedervernässung.
Die Wiedervernässung vernässt Flächen, die mal nass waren. Es beschreibt das Erhöhen des Wasserstandes in einem trockengelegten Moor bis nah an die Bodenoberfläche. So baut sich der bereits vorhandene Torf durch Kontakt zur Luft nicht weiter ab, wodurch CO2 freigegeben würde, sondern speichert weiteres CO2 dadurch, dass Pflanzenmaterial im Moor zu neuem Torf wird.
Moore sind aus unterschiedlichen Gründen ausgetrocknet. Die einen, weil sie als Ackerflächen für die konventionelle Landwirtschaft trockengelegt wurden, die anderen, weil ihnen durch landschaftliche Veränderungen die Wasserversorgung verloren ging, oder weil der Grundwasserpegel in der Region einfach zu niedrig geworden ist. Im Oderbruch wurde das Land zum Beispiel durch Gräben, Schöpfwerke, Stauanlagen, Drainagen absichtlich trockengelegt, um auf diesem Stück Erde Landwirtschaft zu ermöglichen.
Was zu Zeiten des Alten Fritz und später – 1960/70 – notwendig und eine Meisterleistung der Technik war, ist jetzt im Jahr 2026 eine Herausforderung. Damals sollte das zu viele Wasser aus der Landschaft geschafft werden, jetzt fehlt es uns, wir brauchen es hier in der Region. Die Erfordernisse eines gewissen Wasserstand haben sich verändert und stoßen auf unterschiedliche Interessen die miteinander in Einklang gebracht werden. Moore betreffen große Gebiete, viele Menschen und verschiedene Nutzungsformen. Da sind zum Beispiel Landwirte, die zum einen feuchtere Felder brauchen aber bei zu nassen Flächen anders wirtschaften müssen als bisher. Für Grundstücks- und Gebäudeeigentümer:innen kann eine Wiedervernässung zu Wertverlust ihres Eigentums führen. Auch in Märkisch-Oderland steht aktuell ein Wiedervernässungsprojekt an. Es betrifft das Niederoderbruch und das Untere Finowtal, also grob die Region zwischen Eberswalde, Oderberg und Bad Freienwalde.

Jedes Moor ist anders –
jede Wiedervernässung ist einzigartig

Mancherorts gibt es Höhenunterschiede, vorhandene Wasserflüsse, unterschiedliche Eigenschaften beim Torf und bei der Trocknungstiefe. Mancher Torf ist sehr wasserdurchlässig, anderer hat eine geringere Wasserleitfähigkeit. Bei der Planung der jeweiligen Maßnahmen wird berücksichtigt, welche Pflanzen und Tiere an dem Ort leben, welche Auswirkungen die Wiedervernässungsmaßnahmen auf Tiere, Menschen und die Umgebung haben. Entsprechend aller Erkenntnisse zu Gegebenheiten, Anforderungen und Möglichkeiten vor Ort, wird das Moor wieder mit Wasser versorgt. Es können Pumpen abgestellt, kontrollierte Wasserstauungen durchgeführt, Drainagerohre aus dem Boden entfernt, Überläufe und stauende Deiche errichtet werden. Die Wiedervernässung betrifft aber nicht nur das Moor. Es trifft auf Lebensrealitäten der Menschen vor Ort. Deshalb ist es für Landwirte wichtig, dass neue Wertschöpfungsketten für die Verwertung von Biomasse aus Nasswiesen geschaffen und moorbodenschonende Nutzung durch entsprechende Fahrzeuge möglich gemacht werden, damit aus Ackerland Grünland wird. Das Ergebnis ist eine offene nasse Landschaft mit einigen Wasserstellen. Das Ziel ist es Wasser in der Region zu halten, CO2 zu speichern, Land wieder zu renaturieren, die Biodiversität zu verbessern. Positive Nebeneffekte für die Region sind Kühlung wenn es heiß ist und Wasserspeicher im Falle von Starkregen oder Hochwasser. Zudem wird der Wasserhaushalt in der Landschaft, in der Region stabilisiert, wovon angrenzende land- und forstwirtschaftliche Betriebe profitieren.
Wiedervernässung trifft auf Widerstand. Zurück nach Märkisch-Oderland. Wie bei wohl jedem Großprojekt gibt es auch hier Bedenken und offene Fragen und Widerstand. Der Kreistag lehnt das Naturschutzgroßprojekt „Niederoderbruch und Unteres Finowtal“ – symbolisch – ab, der Landrat soll diesen Beschluss den Projektmitgliedern mitteilen. Diese sind die Umweltstiftung WWF Deutschland, das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes Brandenburg, die NABU Stiftung Nationales Kulturerbe und das Bundesamt für Klimaschutz. Im Sachverhalt des Beschlusses wird dargestellt, dass der Gewässer- und Deichverband Oderbruch (GeDo) das geplante Vorhaben skeptisch sieht.
Kritisiert wird weiter, dass der umfangreiche Eingriff mit den geplanten Maßnahmen zur Wiedervernässung ohne eine vorgeschaltete Folgenabschätzung erfolge. Mögliche Schäden an der Infrastruktur seien nicht ausgeschlossen. Haftungsfragen im Rahmen von Spätfolgen würden nicht berücksichtigt. Die Folgen, gerade im Rahmen des Hochwasserschutzes, könnten schwerwiegend sein und seien bisher nicht ausreichend untersucht. Bisherige Formen der Landnutzung seien stark gefährdet.
Weiterhin seien einige Fragen nicht ausreichend beantwortet. Unklar sei, wie eine direkte Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeit von Betroffenen aussehen wird. Auch welche Genehmigungsverfahren durchlaufen werden müssen und wie Spätfolgen finanziell abgesichert werden. Zudem sei unbekannt welche Bürgschaften der ortsfremde Projektträger vorweisen kann und wie Freiwilligkeit hergestellt werden soll. Explizit wird das Großprojekt ob seiner Umfänglichkeit abgelehnt. Die Antragstellenden plädieren für kleinteilige Maßnahmen. Sie wären mit geringerem Risiko verbunden und würden auf mehr erforderliche Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. 

Hintergrund

Hochwasserschutz in Märkisch-Oderland ist durch Wiedervernässung nicht betroffen, da Innenpolder zum Projektgebiet gehören und nicht die Vorfluter der Oder. Feuchte Moore können Wasser besser aufnehmen als trockene.
Hochwasserschutzmaßnahmen bleiben unberührt von Wiedervernässungsprojekten beziehungsweise würden bei Maßnahmenplanungen berücksichtigt.

Überschwemmungsgebiete
Überschwemmungsgebiete sind bereits definiert. Sie werden nicht neu erfunden. Obwohl diese Gebiete schon bekannt und definiert sind, haben Menschen sich nicht an Grenzen gehalten und die Gebiete dennoch genutzt und zum Teil bebaut.

Misstrauen und Unsicherheit
Bodennutzung wird sich ändern müssen

Die Interessengemeinschaft „IG Erhalt Niederoderbruch“ hat sich intensiv mit diesem Naturschutzgroßprojekt beschäftigt, den Projektantrag aufgearbeitet und zusammengefasst, unterschiedliche Standpunkte dargestellt und einen Fragenkatalog veröffentlicht. Bisher wurde weitreichend auf eine Vielzahl an Kritikpunkten eingegangen, Fragen beantwortet, Lösungen zugesagt. Auch der Wunsch danach, dass jede Maßnahme weitreichend auf Folgeschäden und Auswirkungen geprüft wird, ist laut Projektantrag zugesagt. Dennoch bleibt Misstrauen und Unsicherheit bestehen.
Fakt ist jedoch, dass sich Landwirtschaft und Bodennutzung in Zukunft zwangsläufig ändern wird. Die Veränderungen beim Klima, beim Boden, den Temperaturen, den Niederschlägen, beim Aufenthalt der Zugvögel, beim Bedarf an Biokraftstoffen und der dafür erforderlichen Biomasse. Das ist bereits Realität. Die Möglichkeiten der Sonnenernte statt Anbau von Energiepflanzen und Ackerbau auf trockenem Böden bieten zumindest ökonomisch eine Alternative. Das Argument gegen Photovoltaik auf den Feldern ist, dass Felder für Lebensmittel zur Verfügung stehen sollen. Absagen gegenüber Naturschutzgroßprojekten verhindern jedoch Treibhausneutralität. Das bedeutet mehr Erwärmung und das bedeutet schlechtere Bedingungen für die Landwirtschaft, steigende Folgekosten für Ernteausfälle, Ersatzmaßnahmen, Regenerationsmaßnahmen. Moorschutz speichert CO2, erneuerbare Energien reduzieren neue CO2-Emissionen. Sie sind Teil des Weges raus aus der Klimakrise und rein in die Handlungsfähigkeit.

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