„Wir bauen Brücken, wo das System Mauern hochzieht“

Im Kita-Alltag werden Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten schnell in Schubladen gesteckt, die Schuld bei den Eltern gesucht. Die Hürden, Hilfen für neurodivergente Kinder zu erhalten, sind hoch. Eine Elterninitiative im Kreis Märkisch-Oderland will betroffenen Kindern, ratlosen Eltern und überlasteten Betreuer:innen helfen. Ein Gespräch mit Initiatorin Nicole Kirstahler. Von Steffen Blunk

Niedrigschwelliges Hilfsangebot: Nicole Kirstahler gründet eine Initiative, die Kindern mit neurodivergenten Besonderheiten, Eltern und Betreuer:innen in Kitas Entlastung verspricht.

Entgegen ursprünglicher Versprechungen wird Brandenburg kein Krippenpersonal aufstocken. Der Betreuungsschlüssel bleibt wie er ist – und er ist nicht gut. Gerade für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten ist das eine schlechte Nachricht, denn sie werden im stressigen Alltag einer Kinderbetreuung oft schnell in eine Schublade gesteckt. Notwendige Hilfe bleibt aus, Eltern werden ebenso allein gelassen, wie die Kita-Mitarbeiter:innen.
Frau Kirstahler, Sie wollen mit einem „niedrigschwelligen Eltern-Mentoring“ den Kitas, Eltern und betroffenen Kindern in Märkisch-Oderland helfen. Was genau haben wir uns darunter vorzustellen?
Nicole Kirstahler: 
Unser Mentoring-Programm versteht sich als eine feste, präventive Routine-Präsenz direkt in den Kindertagesstätten unseres Landkreises. Wir sind kein Kontrollorgan und keine zusätzliche bürokratische Last, sondern ein unentgeltliches Entlastungsangebot auf Augenhöhe (Peer-to-Peer). Erfahrene Eltern begleiten betroffene Familien im Kita-Alltag und durch den Dschungel der behördlichen Anträge, während sie gleichzeitig den überlasteten Erzieherinnen zeitintensive Elternarbeit abnehmen. Kurz gesagt: Wir bauen Brücken, wo das System aktuell Mauern hochzieht.
Warum haben SIe diese Initiative gestartet?
Kirstahler: 
Weil die Realität der Familien im Landkreis akut brennt und das aktuelle System betroffene Eltern oft völlig im Stich lässt. Wenn ein Kind eine neurodiverse Besonderheit wie ADHS oder Autismus mitbringt, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Statt aufgefangen zu werden, rennen sie gegen bürokratische Mauern bei Ämtern, kämpfen monatelang um Pflegegrade oder verzweifeln an der Schulrückstellung. Gleichzeitig stehen Kitas vor dem personellen Kollaps. Ich habe diese Initiative gegründet, um einen Schutzschirm über Familien und Fachkräfte zu legen, bevor die Frustration auf beiden Seiten zu verhärteten Fronten führt.
Können Sie konkrete, typische Besipiele aus dem Kita-Alltag beschreiben?
Kirstahler:
Nehmen wir ein Kind, das im unruhigen Gruppenalltag völlig reizüberflutet ist und regelrecht in einen heftigen Wutausbruch verfällt. Es lässt sich in diesem Moment nur sehr schwer beruhigen. Beim Abholen versucht die Erzieherin, die verständlicherweise am Limit ist, der Mutter von dieser Situation zu berichten. Doch mitten im Satz wird sie schlicht vom nächsten Abholer unterbrochen. Ein echtes, zielführendes Gespräch ist unter diesen Bedingungen unmöglich. Das Ergebnis? Es wird keine Lösung gefunden, der Druck bleibt im Kessel und die Angst vor dem nächsten Kita-Tag steht am Abend sowohl den Erzieherinnen als auch den Eltern ins Gesicht geschrieben. Genau in dieser Sackgasse wollen und müssen wir als Mentorinnen ansetzen.
Wie stellen Sie sich die Ausgestaltung des Eltern-Mentorings genau vor?
Kirstahler: 
Unser Konzept basiert auf einem klaren, deeskalierenden 4-Phasen-Ablaufplan. In Phase 1 hospitiert der Mentor passiv und regelmäßig im Gruppenalltag, um eine vertraute Bezugsperson für die Kinder zu werden. In Phase 2 findet ein enger, wertschätzender Austausch mit den Erzieherinnen statt, um deren Grenzen und Beobachtungen abzuholen. In Phase 3 führen wir die hochemotionalen Vorgespräche mit den Eltern im geschützten Raum, um Scham abbauen und den Weg für Hilfesysteme zu ebnen. In Phase 4 bringen wir alle Beteiligten an einen lösungsorientierten „Runden Tisch“.
Welche Eltern kommen als Mentoren in Frage?
Kirstahler: 
Als Mentoren kommen Mamas und Papas in Frage, die diesen zermürbenden Weg selbst schon erfolgreich gegangen sind. Es sind Eltern, die das „System“ in- und auswendig kennen, die wissen, wie man einen Pflegegrad-Widerspruch schreibt oder wie sich die soziale Isolation anfühlt. Sie bringen ein unschätzbares Praxiswissen mit, das kein Lehrbuch der Welt ersetzen kann. Wichtig ist: Alle Mentoren durchlaufen vorab eine rechtliche Absicherung, legen ein erweitertes Führungszeugnis vor und sind an die strikte datenschutzrechtliche Schweigepflicht gebunden.

Hintergrund

Neurodivergenz

Der Begriff „Neurodivergenz“ beschreibt unterschiedliche Gehirn- und neurologische Besonderheiten, die von der als „normal“ oder „typisch“ angesehenen gesellschaftlichen Norm abweichen. Neurodivergente Menschen zeigen Unterschiede in der Funktionsweise des Gehirns und der Reizverarbeitung. Diese Unterschiede zeigen sich in der Wahrnehmung, im Denken, in der Informationsverarbeitung oder auch in der sozialen Interaktion. Ein Problem für Betroffene: Neurodivergenz wird oft gar nicht erkannt. Neurodivergente Kinder müssen oft viel Kraft in die Erfüllung bestimmter Erwartungen, Normen und Standards investieren. Zum Teil verstecken oder kaschieren sie ihre Unterschiede in Wahrnehmung, Denken und Verhalten. Der damit verbundene enorme Energieaufwand kann ihre emotionale und kognitive Entwicklung gefährden. Unter Neurodivergenz fallen unter anderem:
  • ADHS
  • Autismus-Spektrum-Störung
  • Dyskalkulie
  • Lern- und Entwicklungsstörungen
  • Lese- und Rechtschreibstörungen (LRS)
  • Synästhesie, die Vermischung verschiedener Sinneseindrücke

„Wir kommen nicht zur Kontrolle,
sondern zur Entlastung.“

Befürchten Sie nicht, dass Kita-Mitarbeiterinnen das Programm als Kritik an deren Arbeit verstehen werden und so ein Dialog von vornherein schwierig werden könnte?
Kirstahler:
Diese Frage beantworte ich gern mit einer Gegenfrage: Was ist für eine überlastete Erzieherin stressiger? Jeden Nachmittag zermürbende Konfliktgespräche zwischen Tür und Angel zu führen – oder eine unabhängige Kraft an der Seite zu haben, die den Druck aus dem Kessel nimmt? Genau das machen wir den Teams vor Ort im persönlichen Dialog begreiflich: Wir kommen nicht zur Kontrolle, sondern zur Entlastung. Wir nehmen dem Personal zeitintensive Aufgaben ab, für die im Gruppenalltag bei dünner Personaldecke schlicht keine Kapazitäten da sind. Das Feedback der Fachkräfte, die unser Konzept verstanden haben, ist durchweg positiv. Sie sehen uns als die lang ersehnte Hilfe, nicht als Kritik.
Es gibt im Landkreis Angebote wie das „Netzwerk Gesunde Kinder“ oder Eltern-Kind-Zentren. Warum braucht es da noch Ihre Initiative?
Kirstahler: 
Bestehende Strukturen wie das „Netzwerk Gesunde Kinder“ oder lokale Begegnungsstätten leisten hervorragende, unverzichtbare Arbeit für Familien. Sie sind konzeptionell jedoch meist eng auf die ersten Lebensjahre von 0 bis 3 Jahren ausgerichtet. Ab dem Kindergartenalter klafft im System jedoch eine riesige Versorgungslücke. Genau dann, wenn die großen Herausforderungen wie unentdeckte Reizüberflutungen, die Beantragung eines Integrationsstatus oder die hochemotionale Schulrückstellung auf die Familien einbrechen, sind betroffene Eltern plötzlich oft auf sich allein gestellt. Wir wollen bestehende Angebote nicht ersetzen, sondern da anknüpfen, wo sie enden. Wir bringen das Mentoring direkt, flexibel und spürbar entlastend dorthin, wo der Alltag der älteren Kinder stattfindet: in die Kitas vor Ort.
Wie reagieren die Träger und der Landkreis auf Ihre Initiative?
Kirstahler:
Die Unterlagen und das detaillierte Konzeptpapier wurden ganz frisch an den Landrat, das Jugendamt, die freien Träger und die offizielle Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragte des Landkreises Märkisch-Oderland, Janett Ohm, übermittelt. Da unser Ansatz die Inklusionsarbeit im Landkreis strukturell unterstützt und gleichzeitig langfristig den Haushalt schont, setzen wir auf einen sehr konstruktiven Dialog. Unser Ziel und Angebot an die Träger vor Ort ist es, zeitnah ein zeitlich begrenztes, risikofreies achtwöchiges Pilotprojekt in einer ausgewählten Gruppe zu starten. So können wir den enormen Entlastungseffekt für das Personal gemeinsam schwarz auf weiß beweisen. Die Türen für die ersten gemeinsamen Gespräche stehen von unserer Seite weit offen.
Wie kann und soll das Mentoringprogramm finanziert werden?
Kirstahler: Das anstehende Pilotprojekt führen wir komplett unentgeltlich und ehrenamtlich durch – für die Kitas entstehen keinerlei Kosten oder Risiken. Für die Zukunft streben wir eine feste, institutionalisierte Schnittstelle an, die über öffentliche Mittel finanziert wird, zum Beispiel über Fördergelder des Landes Brandenburg oder den Kreishaushalt zur Eingliederungshilfe. Wenn man bedenkt, dass frühzeitige Prävention dem Landkreis extrem teure, sekundäre Maßnahmen der Jugendhilfe (nach § 35a SGB VIII) einspart, wird schnell klar: Eine solche Schnittstelle spart der Verwaltung am Ende weitaus mehr Steuergelder ein, als ihre Einrichtung jemals kosten wird. Qualität braucht Kapazität.

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