Wüstenbildung verhindern – Moore als Landschaftsschutz

Hitze schafft Versteppung. Wenn nicht gegensteuert wird, absehbar auch in Märkisch-Oderland. Mehr Wasser in der Landschaft zu halten, ist deshalb eine wesentliche Forderung, der unter anderem auch Moore dienen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Vera Luthardt darüber, wie Moore zur Stabilisierung des Wasserhaushalts beitragen. Von Christian Göritz-Vorhof

Erfolgreiche Wiedervernässung: Die Lange Damm Wiesen zwischen Strausberg und Hennickendorf zeigen, wie ein Moor auch wirtschaftlich genutzt wird. Zum Beispiel Weidewirtschaft mit Wasserbüffeln. Foto: Gerd Haase

Frau Professorin Luthardt, welche Funktion haben Moore?
Vera Luthardt: Moore haben sehr vielfältige Funktionen in der Landschaften, sodass sie kombiniert wichtige Funktionen übernehmen. Diese umfassen den Wasserhaushalt, der durch Moore stabilisiert wird, das Mikroklima in der Landschaft und stellen besondere Lebensräume für Pflanzen dar. Für uns Menschen dienen sie als Archive (Anm. d. Red.: da Moore Pflanzen und deren Zusammensetzung über tausende Jahre konservieren) und ganz wichtig sind Moore als Kohlendioxidspeicher (CO2). Die Ressource Torf, mit den gebundenem Kohlenstoff, müssen wir für zukünftige Generationen liegen lassen.
Warum sind Moore für uns schützenswert?
Luthardt: Moore dienen als Lebensraum für einheimische Organismen und Lebensarten, die nach der Einszeit wieder eingewandert sind. Zum anderen dienen sie als Ressourcen, die dort vorhanden sind für nachwachsende Rohstoffe und aufgrund der Eigenschaften Wasser zu speichern und damit zur Stabilisierung des Gesamtwasserhaushalts der Landschaft beizutragen. Dabei sind Moore nicht nur aufgrund bestimmter Arten schützenswert, sondern insgesamt nehmen sie eine wichtige Schlüsselrolle in Landschaften ein.
Wie steht es um unsere Moore?
Luthardt: Die größten Teile der Moore, nicht nur in Nordostdeutschland, sondern im gesamten europäischen Kontext, wurden entwässert, um die Flächen für anderweitige Nutzung zur Verfügung zu haben. Jeder Nutzungsbedarf resultierte aus den Anforderungen der jeweiligen Zeit. Als Futter für Viehwirtschaft benötigt wurde, waren die Flächen zur Grünfuttergewinnung notwendig und wurden dafür trockengelegt. Heute brauchen wir die Flächen dafür nicht mehr. Heute rücken andere Funktionen in den Vordergrund. So steht jetzt der Schutz des Wasserhaushalt und des Klimas mit Bindung des Kohlenstoffs in der Landschaft im Fokus.
Was heute gebraucht werden, sind Flächen für die Produktion von Rohstoffen, die nachhaltig hergestellt werden können. Moore sind dahingehend die einzigen Reserveflächen für die Produktion von nachhaltigen Rohstoffen, das heißt nachwachsend. Dort wachsen sehr üppig Röhrichte heran (Anm. d. Red.: typische Pflanzen der Röhrichte sind Schwanenblume, Rohrkolben und Gemeiner Blutweiderich). Diese können für Verpackungsmaterial wie Wellpappe, bspw. Eierschachteln und sogar Isolierwerkstoff gut verwendet werden. Und wo sollen wir sonst nachwachsende Rohstoffe gewinnen? Unsere Ackerflächen werden für die Nahrungsmittelproduktion genutzt, unsere Wälder sollten vorrangig Holz als hochqualitatives, nachhaltiges Baumaterial liefern.

„Es gibt nur noch sehr wenige Moore
und es geht darum, diese zu erhalten“

Worum geht es beim Moorschutz?
Luthardt:
Es gibt nur noch sehr wenige Moore und es geht darum, diese zu erhalten. Diese liegen in der Regel schon in Naturschutzgebieten. Die größere Facette ist der Blick auf die Flächen, die in der Vergangenheit entwässert wurden und unter denen Moorböden liegen.  Hier ist der Hauptanknüpfungspunkt wenn wir unseren Wasserhaushalt stabilisieren wollen. Dabei geht es um den Grundwasserspiegel und die gesamte Landschaft. Es geht darum Gräben, die weiterhin das Wasser aus der Landschaft leiten zu verschließen oder mit Staustufen das Wasser in der Landschaft halten. Es gilt das Wasser im Herbst und Winter, zu Wasserüberschusszeiten zurückzuhalten und nicht abfließen zu lassen. Abhängig davon, wie viel Wasser sich auf welchen Flächen einstellt, ist die jeweilige Nutzung auszulegen. Dabei ist nicht jede Nutzung überall möglich oder sinnvoll, es kommt auf den Wasserpegel an. Und es geht darum, Moor-Nutzung zu ermöglichen. Keine Nutzung wäre unrealistisch und muss auch nicht sein. 
Wir wollen den ländlichen Raum erhalten und da muss eine Nutzung mit Wertschöpfung dort möglich sein. Wir brauchen dabei nachhaltige Wertschöpfungsketten. Das leben wir jetzt, und das sehen die Landwirte auch ein. Die herkömmliche Nutzung der Landwirtschaft funktioniert nicht mehr und geht bereits jetzt nur noch mit Förderung (Anm. d. Red.: Förderung für Anpassungsmaßnahmen; Entschädigung für Ernteausfall).
Wie sieht Moorschutz aus? Wie läuft die Auswahl von Flächen und die Wiedervernässung ab? 
Luthardt: Das ist kein einfacher oder schneller Weg. Wenn ein Landwirt bereit ist, nasser zu wirtschafte, bedarf es als ersten Schritt die Rücksprache mit dem jeweiligen Wasser- und Bodenverband. Dieser prüft, ob bspw. der Einbau von Stauen möglich ist, sowie ob Infrastruktur wie Straßen, Eisenbahnen oder Gebäude von einer Anstauung betroffen wären. 
Im zweiten Schritt erfolgt dann die Genehmigung durch die zuständige unterere Wasserbehörde. 
Bei Erteilung der Genehmigung können Haushaltsmittel zur Errichtung von Staubauten durch die Wasser- und Bodenverbände beim NaturSchutzFonds Brandenburg beantragt werden. Dieser hat aktuell ein Sonderkontingent nur für Staubauten aufgelegt. Die Mittel dafür stammen bspw. aus Ersatzzahlungen für den Bau des Flughafen BER. Aktuell sind wir in Brandenburg damit in einer sehr komfortablen Situation, was die Verfügbarkeit von Geldern für Wiedervernässungsmaßnahmen angeht. 

Zur Person

Prof. Dr. Vera Luthardt

Prof. Dr. Vera Luthardt ist emeritierte Professorin für Vegetationskunde und angewandte Pflanzenökologie an der der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (FNEE). Sie hielt die Professur von 1993 bis 2024, forscht darüber hinaus weiterhin auf dem Gebiet. Sie beschäftigt sich dabei seit vielen Jahren mit Mooren und deren Schutz und mit Projekten zur Wiedervernässung.

Hintergrund

Pro Jahr wachsen Moore zwischen einem Millimeter und einem Zentimeter. Ein Laacher Vulkanausbruch vor 12.500 Jahren führte zu Ascheablagerungen über ganz Deutschland und ist damit ein Indikator zur Altersbestimmung. Diese Ascheablagerung ist heute in Mooren nachweisbar und viele Moore sind über 15.000 Jahre alt.

Moore speichern im intakten Zustand mehr Kohlenstoff (C) als jedes andere Ökosystem der Welt. Werden Moore entwässert, kommt der über Jahrtausende im Torf gebundene Kohlenstoff mit Sauerstoff (O₂) in Berührung und reagiert, oxidiert mit diesem zu Kohlenstoffdioxid (CO₂). Dadurch werden enorme Mengen an Treibhausgasen, neben CO₂ auch Methan (CH₄) und Lachgas (N₂O) in die Atmosphäre freigesetzt.

Von den in Brandenburg vorkommenden 1.777 Pflanzenarten benötigen 227 Arten (13 Prozent) Feuchtlebensräume. Darunter sind 63 Arten so genannten Moorspezialisten, die hochangepasst an die jeweilige Moorumgebung sind und eine Gestalter ihrer Umgebung.

„Moorschutz stößt an Grenzen, wenn einzelne
nicht gewillt sind, gemeinschaftlich zu denken“

Worum handelt es sich bei den MoorFutures?
Luthardt:
MoorFutures bezeichnet einen Spezialweg, der anknüpft an den freiwilligen CO2-Handel. Es steht für freiwilliges Wirken von Unternehmen, die zur Treibhausgasminderung beitragen wollen, ohne dass die Unternehmen dies im Zertifikatehandel berücksichtigen können. Und viele Unternehmen wollen etwas für Nachhaltigkeit machen und können z.B. die Dienstreisen durch MoorFuture-Projekte kompensieren. MoorFutures sind Projekte, die dafür sorgen, dass ein Moor wiedervernässt wird. Dazu gehört, dass die Fläche zunächst gesichert wird und in der Folge auch wiedervernässt wird. Dies erfolgt mit einer wissenschaftlichen Begleitung und der Ermittlung der CO-Einsparungen auf 50 Jahre. Dabei werden die Kosten der Maßnahme umgerechnet auf Kosten pro eingesparte bzw. vermiedene Tonne CO2. Diese liegen zwischen 50 bis 70 Euro pro Tonne. Damit kommen wir jedoch nicht an große Fläche heran und Landnutzer sind nicht dabei. 
Wie kommen wir beim Moorschutz voran? 
Luthardt:
Das komplexe an der Umsetzung ist, dass in den Niederungen differenzierte Eigentums- und Nutzungsverhältnisse vorhanden sind. Zum einen kann Wasser und dessen Halten in der Landschaft nur gemeinschaftlich gesteuert werden. Zum anderen muss man sich in einer Niederung einig sein, dass das Wasser angestaut wird, bspw. Wasser auf einer Fläche zu 20 Zentimeter aufgestaut wird. Da es nach wie vor eine freiwillige Maßnahme ist, stößt Moorschutz immer dann an Grenzen, wenn einzelne Menschen überhaupt nicht gewillt sind gemeinschaftlich mitzudenken. Momentan reicht ein Nutzer aus, der sich dagegen ausspricht, mit der Folge dass eine ganze Niederung entwässert wird bzw. austrocknet. Es müsste ein höherer gesellschaftlicher Druck übertragen werden auf Eigentümer und Nutzer von Flächen, damit sie diese Wege auch mitgehen. Während bei Autobahnbahnbau eine Enteignung des letzten sich dagegenstellenden Grundstückseigentümers möglich ist, ist das hier nicht möglich. Das ist eines der größten Hemmnisse. Ein Schlüssel den man knacken muss, bevor man den Wasserhaushalt stabilisieren kann. Hier wäre ein genossenschaftliches Denken notwendig und nicht nach der Devise – Jeder für sich. Die aktuelle Novellierung des Brandenburger Wasserhaushaltsgesetzt wird hier hoffentlich eine Vereinfachung bringen.
Eine sehr gute Möglichkeit Ängste bei der ansässigen Bevölkerung zu nehmen ist es, temporäre Staue mit Sandsäcke anzulegen. Damit lässt sich sehr einfach Wasser aufstauen und bei Erreichen möglicher kritischer Bereiche schnell und unkompliziert durch Entfernen der oberen Sandsäcken auch wieder absenken. Auf der anderen Seite sind derzeit die Förderprogramme sehr gut gestrickt. Neben dem NaturSchutzFonds Brandenburg gibt es Programme auf Bundesebene. So ANK – Bund Anpassung an Naturbasierten Klimaschutz, mit circa. 4 Mrd Euro aufgelegt und es gibt insg. viele Förderschienen, um Moorbewirtschaftung zu ermöglichen. So werden viele Pilotvorhaben schon gefördert. Das Land hat mit Förderrichtlinie – Klima-Moor-Investiv auch die Bereitstellung von weiteren Mitteln ermöglicht. Darüber können Gelder für alle möglichen Dinge wie beispielsweise breitere Reifen zum Bewirtschaften feuchter Flächen beantragt werden. Die Förderperiode läuft noch bis 2028. Auch gibt es für moorschonende Stauhaltung Entschädigung für Ernteausfälle, wenn diese auf Aufstauung auf 20 Zentimeter zurückzuführen sind. Dass es diese Moorförderung Brandenburg gibt, ist darauf zurückzuführen, dass es in Brandenburg schon länger eine starke Moorforschung gab und gibt. Brandenburg ist da als Bundesland weiter als andere Bundesländer. 
Welche Rolle sehen Sie bei den Akteuren auf kommunaler Ebene?Luthardt: Auf kommunaler Ebene gibt es eine ganz direkte Verantwortung. Viele Kommunen sind Eigentümerinnen von Moorflächen, aber sind sich dessen gar nicht bewusst. So gibt es aufgelassene (Anm. d. Red.: brach/ungenutzt liegende) Flächen, die gar nicht mehr genutzt werden. In Brandenburg sind das circa 30.000 Hektar. Im GeopPortal des Landes Brandenburgs sowie den Katastern kann ein Abgleich mit der Moorkarte Brandenburgs erfolgen. Dabei wäre zu prüfen, wie sieht die jeweilige Moorfläche aus? Gibt es dort einen Bewässerungsgraben und muss dieser dort dort sein?
Auch empfiehlt es sich die Bürgerschaft einzubinden, die bei Umweltthemen gerne aktiv wird. Man sollte schauen, ob man etwas Gutes tun kann. 
Daneben sind auch Landes- Forst & private Waldbesitzer mögliche Ansprechpartner. Denn jedes Moor stützt auch den Wald in der Umgebung.

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