Wenn Hass zum Alltag wird: Queerfeindlichkeit in Märkisch-Oderland

In Deutschland steigt die Anzahl der queerfeindlichen Straftaten. Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Mehr Sichtbarkeit und Aufklärung soll das verhindern. Mehr Sichtbarkeit führt jedoch zu mehr Angriffen. Vorbeugende Aufklärung für potentielle Täter fehlt. Eine Analyse von Juliane Roschitz

Mangelware: Akzeptanz von Identität und Geschlechterrollen. Foto: jro

Männer mit reichsfarbenden Sturmhauben und Schlagstöcken stürmten die Kundgebung „Bad Freienwalde ist bunt am 15. Juni 2025. Junge Männer zwischen 15 und 20 Jahren verabredeten sich über Dating-Apps mit schwulen Männern, lockten sie an abgelegene Orte, beschimpften die Opfer homofeindlich, raubten sie aus und filmten die Taten. Einige Opfer erlitten Knochenbrüche. Das sind zwei konkrete Beispiele von Angriffen in Märkisch-Oderland gegen vielfältige, queere und tolerante Lebensweisen.
Die Zahl der dokumentierten Straftaten gegen queere Personen in Deutschland stieg 2025 um 12,8 Prozent auf 2.377 Fälle. Hinzu kommen die nicht gemeldeten Fälle. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechterbezogene Diversität“ hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Darunter sind Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Auch die Gewalt gegen Frauen stieg deutlich an.
Dem Berliner Monitoringbericht nach sind die Täter zu 90 Prozent Männer und häufig jung – zwischen 10 und 20 Jahren alt. Dreiviertel der Täter sind wegen anderer Delikte bereits polizeibekannt. Politisch lässt sich nur ein Teil der Taten zuordnen, wo das gelingt, stammen sie besonders in Ostdeutschland überwiegend aus dem rechten Spektrum. Daneben gibt es islamistisch motivierte Täter. Die Angaben beziehen sich auf bekannte Fälle, das sogenannte polizeiliche Hellfeld. Das BKA geht zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Ursachen sind vielfältig. Die Hemmschwelle für Beleidigungen, Benachteiligungen und Gewalt sinkt, Aggressivität steigt.
Das gesellschaftliches Klima ist rau. 2025 gab es in Brandenburg 115 Straftaten gegen Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. 2024 waren es 95. Die Beratungsstelle Opferperspektive erfasste 2025 landesweit 33 queerfeindliche Gewalttaten. Im Vorjahr waren es 19. In Märkisch-Oderland stieg die Zahl der erfassten rechten Angriffe von 14 auf 46. Dafür sind die Dating-App-Überfälle maßgeblich.

Queer bezeichnet, wer sich nicht mit seinem Geburtsgeschlecht identifiziert

Zwischen 7,4 und 12 Prozent der Menschen sind laut Umfragen queer. Dabei bezeichnen sich Jüngere deutlich häufiger so als Ältere. Bei circa 200.000 Einwohnern im Landkreis ergäbe das 14.800 bis 24.000 betroffene Menschen. „Queer“ ist dabei der Sammelbegriff für alle, die nicht heterosexuell leben oder sich nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren.
Der Verein „Opferperspektive e.V. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg beobachtet, dass die Abneigung gegen queere Menschen die rechten Jugendgruppen verbindet. Die Gegenproteste zu CSD-Paraden dienten als Erlebnis und Anwerbung von Nachwuchs. Bei den Dating-App-Überfällen handelten Jugendliche mit extrem rechten Überzeugungen gemeinsam mit Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Der Hass auf Schwule verbindet Gruppen, die sich sonst fremd sind. Soziale Medien beschleunigen das. Hinzu kommt das Umfeld. Wo abwertende Sprüche unwidersprochen bleiben und rechte Jugendcliquen mit Schulterzucken hingenommen werden, fühlen sich Täter bestärkt. Historisch ist das Thema Homophobie auch in der NS-Diktatur und ihren gesetzlichen Überresten, sowie in der DDR-Diktatur zu finden. Die DDR strich zwar bereits 1968 die Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch und 1988/89 auch den Nachfolgeparagraf 151, im Alltag blieb queeres Leben dennoch gefährlich. Im Westen wurde die Sonderbestrafung erst 1994 vollständig abgeschafft. Viele queere Menschen der heutigen Generation 50 plus haben gelernt, sich unauffällig zu verhalten – eine Vorsicht, die Taten im Verborgenen begünstigt. Menschen, Verhalten, Aussehen, das vom vermeintlichen normalen Standard – oder besser vom üblicherweise sichtbaren abweicht, fällt auf, irritiert, verunsichert. Statt sich offen, wertschätzend, anerkennend mit der eigenen Irritation auseinanderzusetzen und den Menschen tolerant zu begegnen, zeigen sich abwertendes Verhalten, Abneigung, Beleidigungen und körperliche Gewalt.

Prägung und Wertesystem als Ursache?

Haben die Menschen keine Kapazität sich mit mehr als ihrem eigenen Leben auseinanderzusetzen? Reicht es nicht mehr für einen flexiblen, fehlertoleranten Umgang oder für eine kleine Änderung des eigenen Verhaltens?
Wenn dem so ist spielt vielleicht auch mit rein, dass ostdeutsch-sozialisierte Menschen mit den eigenen Umbrucherfahrungen nicht diese Aufmerksamkeit erhalten haben, dass sich für sie die Gesellschaft bis heute nicht dermaßen einsetzt, wie für andere Minderheiten. Vielleicht sitzen tiefe Prägungen und Wertesysteme noch immer in den Menschen, die der Gleichheit eine größere Wertigkeit zusprechen als der Selbstentfaltung. Vielleicht triggert die Selbstbestimmung – vor allem auch die von jungen Menschen – dahingehend, dass sie für sich einstehen, sich zeigen, sich so ausdrücken wie sie sind und sich nicht unterordnen, anpassen und einordnen.
Die neuen Generationen haben ein anderes Selbstbewusstsein, sind frei, profitieren von der offenen Gesellschaft. Der Preis für den Ausdruck von Individualität der alten Ostgenerationen war viel größer, eine „falsche“ eigene Entscheidung konnte über das komplette weitere Leben entscheiden und gravierende Nachteile mit sich bringen, Karrieren beenden, Familienmitglieder und Freunde in Gefahr bringen, im Gefängnis enden. Vielleicht kommt der Hass, die Abneigung gegen alles nichttypische, nicht stereotypische, eher weibliche auch aus der Abwesenheit von Vätern, was eine gesunde Abgrenzung und Identifikation mit der eigenen Rolle in der Gesellschaft erschwerte. Vielleicht spielt mit rein, dass Männer im Osten, im ländlichen Raum die deutliche Mehrheit sind. Es fehlen Frauen in der Gesellschaft. Die jungen Frauen ziehen weg, gehen studieren, fühlen sich in den ländlichen, männlichen, intoleranten Gegenden unwohl. Die jungen Männer bleiben. Die Familiengründung wird für sie so natürlich schwerer. In Märkisch-Oderland kommen in manchen Gegenden nur 100 Frauen auf 130 Männer.
Was also tun, um queere Menschen von Gewalt zu schützen, ihnen ein normales sicheres Leben zu ermöglichen? In erster Linie ist es hilfreich, wenn den Betroffenen geglaubt wird, das man sie zur Polizei oder Beratung begleitet, beobachtete Angriffe durch Anruf bei der 110 meldet und als Zeuge zur Verfügung steht. Da die Beratungsstelle Opferperspektive und andere Vereine Betroffene und Zeugen beratend und begleitend unterstützen, ist es wichtig, dass die Finanzierung dieser Vereine und Verbände sichergestellt ist.
Ein relevanter Baustein ist auch der Aktionsplan „Queeres Brandenburg“ des Landes Brandenburg. Er soll ausdrücklich über queere Themen und Interessen aufklären sowie die Sichtbarkeit queerer Menschen auf dem Land stärken.
Da mehr Sichtbarkeit wiederum zu mehr Übergriffen und Anfeindungen führt, ist Täterprävention ein weiterer und sehr relevanter Punkt, um queeres Leben sicher zu machen. Diese ist aktuell kaum vorhanden, da die Täter kein Bewusstsein, also keinen Leidensdruck aufgrund ihrer Werte und ihres Verhaltens erleben. Im Gegenteil, die Abneigung gegen queere Menschen stärkt ihr Selbstbild und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe.

Prävention und gesellschaftliche Verantwortung

Präventive Maßnahmen auf Seiten der potenziellen Täter müssten das Selbstbild der jungen Männer verbessern, um Abneigung als Booster für den eigenen Selbstwert überflüssig zu machen. Sie müssten ein gesundes Zugehörigkeitsgefühl ermöglichen, in dem es nicht erforderlich ist andere Menschen abzuwerten. Sie müssten junge Männer darin unterstützen, gesunde, gleichgestellte und gute Beziehung zu Frauen, zu Weiblichkeit entwickeln. Präventive Maßnahmen müssten den jungen Menschen ermöglichen, sie darin zu befähigen ihre eigene Sexualität zu verstehen, sich selbst alle möglichen Variationen zuzugestehen, ohne Verlust des Selbstwerts, der Zugehörigkeit, ihrer vermeintliche Sicherheit.
Hilfreich ist die sogenannte Distanzierungsarbeit bei der gezielt junge Menschen durch Fachleute angesprochen werden, die mit rechten Gruppen sympathisieren, aber noch nicht fest eingebunden sind. Wer aussteigen will, findet Hilfe beim Brandenburger Aussteigerprogramm „wageMUT“ des Verfassungsschutzes oder beim bundesweit tätigen Verein EXIT-Deutschland. Ebenfalls relevant für die eigene sichere Entwicklung sind Räume für Jugendliche. Die Opferperspektive fordert deshalb eine verlässliche Finanzierung offener Jugendclubs und Treffpunkte als Gegengewicht zur rechten Jugendszene. Doch Prävention ist nicht nur Sache von Fachleuten. Hass beginnt selten mit Fäusten, sondern mit Worten – am Küchentisch, im Verein, auf der Arbeit. Gerade Ältere haben hier Gewicht: als Eltern und Großeltern, als Vereinsvorsitzende, Kollege, Nachbarin. Wer einem abfälligen Witz widerspricht, wer Enkel fragt, was in ihren Chats geteilt wird, und wer klarmacht, dass im eigenen Dorf niemand wegen seiner Liebe Angst haben muss, beeinflusst positiv, was als akzeptiert gilt. Und Aufklärung zu allen queeren Themen, die grundlegend die Themen aller Menschen sind. Das eigene Geschlecht, die eigene Sexualität betrifft jeden Menschen und ist durch Niemanden zu bewerten. Geschlechtsidentität ist keine „Modeerscheinung“, entsteht auch nicht durch vermeintliche „Einflussnahme“ durch Jugendarbeit, Aufklärung und Sichtbarkeit. Menschen sind das was sie sind und sollten das was sie sind auch zeigen können, ohne Angriffen und Abwertungen ausgesetzt zu sein. Traditionelle Geschlechterrollen und Normen reduzieren die Geschlechterrollen ins sogenannte binäre Rollensystem, in männlich und weiblich. Trans-Personen passen nicht in dieses starre Schema und werden daher oft als „unnatürlich“ oder „falsch“ wahrgenommen. Stereotype Annahmen darüber, das Berufe, Kleidung oder Verhaltensweisen nur einem Geschlecht „zustehen“, führen zu Ablehnung, ebenso religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen und die Angst vor Veränderung und Unsicherheit. Aber Existenz ist keine Sünde und kein Tabu. Veränderungen von gesellschaftlichen Normen in Richtung Vielfalt, Toleranz und Wertschätzung sind keine Gefahr. Im Gegenteil, sie ermöglichen Menschen zu sein wer und wie sie sind. Und nein, die 1,8 Prozent der Menschen, die trans sind, sind keine Sündenböcke, sie sind nicht die Ursache aller gesellschaftlichen Probleme. Ihre Sichtbarkeit, ihr Engagement und die Menschen hinter ihnen sind höchstens eine Art Indikator dafür, wie viel bisher falsch lief, wie binär das System bisher aufgebaut war und das das nicht reicht, um allen Menschen den Raum zu geben, der ihnen zusteht.

Hintergrund

Gleichheit in Brandenburg

Das Land Brandenburg hat bereits 1992 das Diskriminierungsverbot in die Verfassung aufgenommen und 2017 den Aktionsplan Queeres Brandenburg ins Leben gerufen, mit dem Maßnahmen unterstützt werden, die eben in diese Punkte einzahlen.
Artikel 12 – (Gleichheit)
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Jede Willkür und jede sachwidrige Ungleichbehandlung ist der öffentlichen Gewalt untersagt.
(2) Niemand darf wegen der Abstammung, Nationalität, Sprache, des Geschlechts, der sexuellen Identität, sozialen Herkunft oder Stellung, einer Behinderung, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder aus rassistischen Gründen bevorzugt oder benachteiligt werden.
(3) Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Das Land ist verpflichtet, für die Gleichstellung von Frau und Mann in Beruf, öffentlichem Leben, Bildung und Ausbildung, Familie sowie im Bereich der sozialen Sicherung durch wirksame Maßnahmen zu sorgen.
(4) Das Land, die Gemeinden und Gemeindeverbände sind verpflichtet, für die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Behinderungen zu sorgen.
Was macht Brandenburg?
Das Land Brandenburg hat seit 2017 einen Aktionsplan für Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, für Selbstbestimmung und gegen Homo- und Transphobie (kurz: Aktionsplan Queeres Brandenburg). Dieser fördert Maßnahmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern Bildung und Aufklärung, Teilhabe, Selbstbestimmung und Selbsthilfe, Familie, Kinder, Jugend, Lebenspartnerschaft, Lebenslagen, Gewaltprävention und Antidiskriminierung, Gesundheit und Arbeitswelt. Zentrales Ziel ist es die Belange der queeren Community zu vertreten, aufzuklären, Vorurteile abzubauen und somit Diskriminierung und Gewalt zu stoppen und letztlich Gleichstellung und Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt zu erreichen. Der Erstellung der Maßnahmen ging eine Onlinebefragung voraus, um zu erfahren, wie die Lebenssituation der queeren Menschen in Brandenburg ist. 314 queere Menschen haben geantwortet.
Der Aktionsplan unterstützt Hilfestellung, Information und Beratung, um Vernetzung und die Vertretung der Interessen von LSBTIQ*-Personen in allen Lebensbereichen, Gremien und Entscheidungsebenen zu ermöglichen, Jugendliche bei ihrem coming-out zu unterstützen, Menschen für die Anliegen der LSBTTIQ*-Personen zu sensibilisieren, ihre Sichtbarkeit der Themen und die rechtliche Gleichstellung, sowie die medizinische Versorgung von transsexuellen, transgener und intersexuellen Menschen zu verbessern.

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