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"Wir poppen überall kunterpink auf"
Ein paar Menschen haben einen Ort gesucht, ein erweitertes Wohnzimmer, einen Raum für gemeinsame Ideen. Geschaffen haben sie einen Kulturverein mit Herz, Bühne und Haltung: den Pop Up Club Neuenhagen. Ein Interview mit Mitgründerin Nora Romero. Von Juliane Roschitz
Ein altes Haus. Zwei Etagen. Oben sieben quadratische Fenster, brauner Putz, einheitlich verbunden. Die Etage darunter hellgelb und geteilt. Links zwei große Schaufenster, darüber ist in schwarzer Schreibschrift das Wort „Wäsche-„ und dann in senfgelb, unvollständig und Druckbuchstaben das Wort „TRUHE“ zu erkennen. Gardinen vergangener Zeiten verhindern einen Blick ins Innere und erinnern an Marlis Patschkes Nähstube. Auf der rechten Seite des Gebäudes der Schriftzug LA KISTE. Darunter eine weiß-gelb gestreifte Markise, ein Schaufenster, eine Tür. Sitzgelegenheiten stehen davor, aus Paletten, mit Blumen, liebevoll, heimelig und viel pink. Parkettboden, Dartscheiben an der Wand, ein Regenbogenvorhang in der Ecke. Unterschiedliche Stühle, ein Korbtisch, eine Bank auf der Innenseite des Schaufensters, dieses mit glitzernden Vorhängen behangen. Es ist gemütlich, unkompliziert, improvisiert und gleichzeitig professionell. Die Menschen im Verein sind schon immer hier, oder schon lange oder sie sind erst neu da.
Du bist eine der Mitgründer:innen des Pop Up Clubs, wie kam es dazu? Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Romero: Das ist eigentlich eine lange Geschichte. Aber kurz gesagt, saßen im Frühling 2021 vier befreundete, kreative Neuenhagener Familien in einem Garten und hatten den großen Wunsch, dass es hier in unserer gemeinsamen Wahlheimat einen Ort gäbe, an dem wir uns kreativ ausleben könnten. Konzerte! Poetry Slams! Gemeinsam Tatort schauen! Denn obwohl Neuenhagen eine sehr lebendige Gemeinde ist, gab es einfach keinen Ort, an dem man sich regelmäßig trifft, ohne Konsumzwang, ohne großes Programm, dafür mal mit Musik, mal zum Erzählen… einfach so. Als wir kurzfristig die Chance bekamen, die Räume von unserer jetzigen „La Kiste“ anzumieten, haben wir einfach privat zusammengelegt und das gemacht – hundertprozentig Ehrenamt, selbst finanziert, sozusagen. Unser erstes Event war dann eine sehr improvisierte Fête de la Musique im Hinterhof, unter der großen Linde. Das war so inspirierend, da kamen so viele Leute und Nachbar:innen, dass wir gemerkt haben, dass wir das weitermachen wollen.
Die La Kiste ist eure Basis, euer Clubhaus. Wie kam es zu diesem Namen?
Romero: Das war totaler Zufall. Ganz früher war in diesen Räumen wohl mal eine Nähkiste und der Schriftzug „La Kiste“ war unter einem Schild, welches wir abhingen – also schon vor uns da. Als wir die Räume in Beschlag genommen und renoviert haben, haben wir viel über unseren Namen diskutiert – und landeten irgendwann bei der Idee, diesen alten Namen für unser „Basislager“ wieder aufzugreifen. Man fühlt sich ja auch ein bisschen wie in einer Kiste bei uns, je nachdem, wie voll es gerade ist. Aber dabei ist es immer gemütlich. Ich glaube, das größte Publikum gab es mal bei einem Poetry Slam oder bei einem Wohnzimmerkonzert – da waren in unserer kleinen „La Kiste“ 45 Leute. Oh la la!
Und warum Pop Up Club? Pop Up klingt nach Pop Up Radwege und Pop Up Geschäft? Geht es bei euch auch in diese Richtung?
Romero: Ja, der Begriff kommt ursprünglich aus der Stadtplanung und dem Einzelhandel – temporär, spontan, experimentell. Und genau das trifft es eigentlich ganz gut. Unsere Bühne poppt an vielen Orten Neuenhagens auf. Für größere Konzerte, unsere beliebte Tischtennisparty Pop Up Pong oder das Quiz dürfen wir uns im BürgerTreff einmieten. Einige erfolgreiche Formate, wie unser winterliches Punk Konzert, haben wir im Jugendclub Blaupause etabliert. Man findet uns aber auch beim Tag der Familie oder beim Oktoberfest – wir poppen überall da kunterpink auf, wo Leute zusammengebracht werden können und vielleicht auch an Orten, an denen man uns gar nicht erwartet hätte.
„Wir nennen uns
liebevoll selbstironisch Poppies“
Wer seid ihr? Welche Menschen stecken hinter dem Verein?
Romero: Wir nennen uns liebevoll selbstironisch „Poppies“ und sind eine gut gemischte Truppe aus Neuenhagen und Umgebung – wir freuen uns, dass unser Verein heute sowohl regionale Urgesteine als auch Zugezogene und Menschen aus den Nachbargemeinden zu seinen aktiven Mitgliedern zählt. Uns eint, dass wir Kultur schätzen und Lust darauf haben, gemeinsam ehrenamtlich etwas auf die Beine zu stellen und Neuenhagen etwas durchzumischen. Im Kern sind wir ein aktives Team von etwa einem guten Dutzend Leute, die in ihrer Freizeit organisieren, aufbauen, Social Media Accounts betreuen, Veranstaltungen moderieren, Getränke schleppen, Dartpfeile werfen und und und. Dazu kommen noch ein paar weitere, die sich nicht regelmäßig aktiv einbringen können und immer mal wieder „aufpoppen“ – und unsere Fördermitglieder, für die wir auch sehr dankbar sind. Wir stehen mit unserem Engagement alle für eine offene, bunte Gesellschaft und versuchen, Räume zu schaffen, in denen sich alle Menschen sicher fühlen. Wer Menschen ausgrenzt oder Hass salonfähig machen will, hat bei uns keinen Platz.
Welche Hürden sind euch auf dem Weg zwischen Idee und Vereinsgründung begegnet und wie habt ihr diese gelöst?
Romero: Ich glaube rückblickend, dass wir über ein Jahr ein kunterbuntes Kollektiv waren – ganz ohne Verein und die dazugehörigen Strukturen. Diese standen am Anfang unserer überschäumenden Energie tatsächlich eher im Weg, denn wir wollten Konzerte organisieren – und sahen uns konfrontiert mit Anträgen, Satzungen, Genehmigungen, GEMA – und den Finanzen… Gleichzeitig haben wir Gründungsmitglieder alle Kinder, die damals auch noch richtig klein waren. Wir sind in diese Vereinsaufgaben hineingewachsen, auch weil sich neue Menschen zu uns gesellten, die nochmal andere Perspektiven mitgebracht haben. Heute sind wir richtig gut aufgestellt, es gibt feste Verantwortungsbereiche, viele unterschiedliche Formate und ich bin tatsächlich auch ein bisschen stolz darauf, dass dieser wunderbare Verein aus unserer anfänglich fixen Idee entstanden ist und mittlerweile fest zu Neuenhagen dazugehört.
Was habt ihr noch vor?
Romero: Am 20. Juni feierten wir unsere fünfte Fête und fünf Jahre Pop Up Club. Das ist für uns schon ein kleines Wunder und ein großer Grund zum Feiern. Am 2. Juli laden wir noch einmal ein in unser monatliches, entspanntes „Wohnzimmer“ und dann: Sommerpause! Wir atmen in den großen Ferien alle durch und tanken neue Energie. Nach dem Sommer geht’s direkt weiter: Viele Termine stehen schon, mittlerweile planen wir unsere Events mit deutlich mehr Vorlaufzeit. Wir sind zu Gast beim Neuenhagener Oktoberfest, das nächste Kneipenquiz und die Pong stehen, unsere regelmäßigen Wohnzimmerabende, Repair Café, Darts… Aktuell basteln wir an unserer neusten Idee: einem Sprachcafé, in dem man unterschiedliche Sprachen sprechen, ausprobieren oder auch einfach nur hören kann.
Wie können Menschen bei euch mitmachen, teilnehmen? Wie können sie euch unterstützen?
Romero: Einfach vorbeikommen und mitfeiern ist schon mal ein guter erster Schritt. Besucht unsere Webseite www.popup-club.org und meldet euch für den Newsletter an oder folgt uns in den sozialen Medien. Bei uns läuft vieles auf Spendenbasis, bei der Fête zum Beispiel geht der Hut rum und die Kohle wird unter den Bands aufgeteilt. Dafür zahlt man keinen Eintritt, jede:r gibt, soviel wie man kann. Wer mehr machen will: Werdet Fördermitglied oder gönnt uns eine Einmalspende. Quittungen dafür dürfen wir ja mittlerweile als eingetragener Verein ausstellen (lacht).
Begegnungsorte sind selten geworden. Ihr habt einen geschaffen. Nehmen die Menschen den Ort an?
Romero: Ja. Das ist das, was uns am meisten überrascht und natürlich auch am meisten freut. Dadurch dass wir viele unterschiedliche Formate haben, kommen ganz unterschiedliche Leute zu uns. Und mittlerweile gibt es so viele schöne Erlebnisse: Wenn sich beim Kneipenquiz Nachbar:innen spontan gemeinsam als Team anmelden und sich dann dadurch richtig kennenlernen. Wenn beim Tischtennis-Abend Menschen zusammen die Kellen schwingen, die sich vorher nicht kannten – von jung bis alt, Ur-Neuenhagener:innen und Zugezogene oder auch aus dem Umkreis. Wenn die Fête fünf Jahre alt wird und die Leute kommen, die schon beim ersten Mal begeistert dabei waren. Wenn eine betagte Dame aus der Nachbarschaft selig davon erzählt, dass sie in La Kiste nicht aufgrund ihres Alters schief angeguckt wird, sondern einfach dabei sein kann. Wenn junge Bands das erste Mal für ihren Auftritt auch eine Gage erhalten – oder wenn sich junge Menschen auf unsere Bühne trauen, ihre Texte vorzulesen … für all diese Momente lohnt es sich. Tatsächlich wurden wir für unseren noch sehr jungen Verein von der Gemeinde Neuenhagen 2025 mit dem Ehrenamtspreis ausgezeichnet!
Seht Ihr Eure Arbeit auch als politisch an?
Romero: Wir stehen für gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt und glauben, dass das auch ein Stück weit politisch ist – auch wenn wir bewusst keiner Partei zugehörig sind und unabhängig von Fördergeldern sind. Öffentliche Räume zu schaffen, Kultur zugänglich zu machen, eine Community zu bauen, die größer ist als die eigene Blase – das ist keine Selbstverständlichkeit. Für uns ist das aber gerade heute ein wichtiges Ziel.
Die nächsten Termine:
02.07.26 Pop Up Wohnzimmer – jeden ersten Donnerstag ab 18:30 Uhr >>
Immer frisch, immer neu. Jeder Wohnzimmerabend ist anders. Spiele, Spaß, sympathische Menschen.
29.08.26 Pop Up Pong – 18 -22 Uhr, 3 EUR >>
Im Bürgertreff, Am Krankenhaus 13, gibt’s wieder Neuenhagens schönste und chilligste Tischtennis-Party der Welt für alle Menschen jeden Alters. Mit guter Musik, bei bester Stimmung und schönen Menschen, einfach mal die Kunststoffbälle über die Platte fliegen lassen.
Weitere Infos, Newsletter, Termine auf https://popup-club.org
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