Chance und Herausforderung:
Kommunale Wärmeplanung
in Märkisch-Oderland
Wenn über die Energiewende gesprochen wird, wird oft zuerst an erneuerbare Energien aus Windrädern, Photovoltaikanlagen und Biogas gedacht. Aber mehr als 50 Prozent der Energie verbrauchen wir, um Wohnungen, Häuser, öffentliche Gebäude zu heizen und um Prozesswärme in Industrie und Gewerbe zu gewinnen.
In privaten Haushalten entfallen rund zwei Drittel des Energieverbrauchs – Strom und Wärme zusammengefasst – auf sogenannten „raumbedingten Wärmeenergiebedarf“. Die Energie für die Raumwärme stammt dabei immer noch zu einem erheblichen Anteil aus fossilen Energieträgern wie Öl und Gas. Im Jahr 2024 lag der Anteil der erneuerbaren Energieträger für Wärme dagegen bei nur 17,8 Prozent und damit lediglich 0,4 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert.
Das macht uns als Verbraucherinnen und Verbraucher sowie als Volkswirtschaft abhängig von schwindenden Ressourcen und von internationalen Märkten und damit weiterhin anfällig für stark schwankende Preise, vor allem in Krisenzeiten. Der aktuelle Krieg im Nahen Osten zeigt dies wieder einmal, wenn auch zunächst nur an den Tanksäulen.
Neben der Unabhängigkeit von fossilen Energien ist die Reduzierung von Treibhausgasemissionen zur Erreichung der Klimaschutzziele ein zweites Ziel, das das Wärmeplanungsgesetz (WPG) verfolgt. Dieses ist im November 2023 vom Deutschen Bundestag beschlossenen worden und trat zum 1. Januar 2024 in Kraft.
Damit wurde auf Bundesebene ein einheitlicher rechtlicher Rahmen geschaffen, der die Erstellung einer kommunalen Wärmplanung für alle Städten und Gemeinden bis spätestens zum 30.06.2028 verpflichtend vorschreibt.
Kommunale Wärmeplanung ist die Strategie einer Gemeinde, Schritt für Schritt unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden und gleichzeitig eine sichere und bezahlbare Wärmeversorgung zu gewährleisten.
Mit gutem Beispiel vorangegangen:
Letschin und Rüdersdorf
In Märkisch-Oderland sind einige Kommunen dieser Pflicht früh nachgekommen. Sie haben die kommunale Wärmeplanung bereits erarbeitet und beschlossen. Dazu zählen die Gemeinden Rüdersdorf und Letschin. Strausberg steht wiederum kurz vor dem Abschluss, während die Kommunen Altlandsberg, Hoppegarten, Neuenhagen, Fredersdorf/Vogelsdorf und Petershagen/Eggersdorf seit März gemeinsam an der Erstellung arbeiten.
Der Prozess der Umsetzung folgt dabei immer dem gleichen Ablauf, die Schritte sind im Gesetz vorgegeben. Am Anfang steht dabei eine Bestandsaufnahme:
- Ermittlung des Wärmebedarfs in den verschiedenen Ortsteilen oder Quartieren,
- Erfassung der Gebäude inklusive Alter, Sanierungspotential
- Struktur und Alter der Heizsysteme
- genutzte Energieträger
Als nächstes entsteht die Potentialanalyse für mögliche Wärmequellen. Neben Heizungsarten werden Abwärme aus Betrieben, Solarthermie oder Geothermie sowie saisonale Speicher und deren technisches Wärmepotential abhängig von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten betrachtet.
Was können Abwärme, Solarthermie
und Geothermie beitragen?
Im dritten Schritt werden sinnvolle Ausgestaltungsoptionen abgeleitet. Besonders berücksichtigt werden dabei ökologische, ökonomische, technische und soziale Gesichtspunkte. Dabei wird auch berücksichtigt, welche Wärmequellen und Speicher welche Kosten und Beeinträchtigungen von Bürgerinnen und Bürger bedeuten.
„Wichtig ist dabei, dass nicht eine Technik für alle vorgeschrieben wird, sondern für jedes Quartier die passende Lösung gefunden wird. Der Wärmeplan selbst zeigt zunächst die Potenziale auf; umgesetzt wird er schrittweise bis 2045 und regelmäßig fortgeschrieben“, erläutert Susanne Zamecki, die die Erstellung in ihrer Gemeinde Velten begleitet hat und die Erfahrungen im Rahmen eines Fachseminars zur kommunalen Wärmeplanung weitergab.
Im vierten Schritt wird anhand von Szenarien die Zielerreichung unter Berücksichtigung vorher erfasster Randbedingungen und mit Maßnahmen über die Zeitachse beschrieben.
„Wir können den Bürgerinnen und Bürgern mit dem Wärmeplan heute aufzeigen, in welche Heizung sie investieren können. In dezentral versorgten Gebieten ist das vor allem die Wärmepumpe. Gleichzeitig wollen die Stadtwerke die Fernwärme im Ort auch ausbauen und dabei künftig auf Geothermie setzen“, so Susanne Zamecki.
Letschin: noch kommen 90 Prozent
der Wärme aus fossilen Energieträgern
Als eine der ersten Gemeinden in Märkisch-Oderland hat die Gemeindevertretung von Letschin am 16. Oktober 2025 nach knapp zehn Monaten Bearbeitungszeit den Plan zur kommunalen Transformation der Wärmeversorgung beschlossen. Entstanden ist eine Roadmap mit konkreten Maßnahmen und Zeitraum, um die Reduktionsziele für die 4.000 Einwohner zählende Gemeinde zu erreichen. Dabei mussten der Bedarf und das Potential von insgesamt zehn Ortsteilen mit ihren jeweils lokalen Gegebenheiten betrachtet und bewertet werden.
Darin wird für Letschin beschrieben, wie die derzeit pro Kopf und Jahr für Raumwärme entstehenden siebeneinhalb Tonnen Kohlendioxid bis 2045 auf Null reduziert werden können. Oder anders gesagt: wie der derzeitige Energiebedarf für Raumwärme von 89 Gigawattstunden pro Jahr, der momentan zu über 90 Prozent aus fossilen Energieträgern gedeckt wird, reduziert und auf Erneuerbare Energien umgestellt wird.
Es werden zum einen Maßnahmen zur fossilfreien Erzeugung von Raumwärme vorgesehen. Zum anderen wird auch die mögliche Reduzierung des Wärmebedarfs in die Kalkulation einbezogen, sowie der Effekt der global ansteigenden Temperaturen, der den Wärmeenergiebedarf ebenfalls, allerdings nur geringfügig, reduzieren wird.
Bürgerenergiegenossenschaften könnten Flusswärme
als zentrale Wärmequelle nutzbar machen
Zur Erzeugung der Wärme wurden in den Steckbriefen des Plans unter anderem folgende Maßnahmen formuliert: Für zwei Ortsteile wird das Potential für ein Wärmenetz beschrieben (Letschin und Wollup), mit Klärung der Abwärmenutzung der Biogas-Anlage Wollup bis 2026. Für die Ortsteile Groß Neundorf und Kienitz mit Nähe zur Oder wird Potential in der Erschließung von Flusswärme als zentrale Wärmequelle gesehen, deren Umsetzung mittels Bürgerenergiegenossenschaften als vorstellbar beschrieben wird. Dafür sind Motivations- und Informationsveranstaltungen für Bürger zur Gründung von Energiegenossenschaften ebenfalls noch 2026 vorgesehen.
Die weiteren Maßnahmen wie der Aufbau eines Wärmenetze Bildungscampus/Straße der Jugend sind in der Roadmap mit Jahresmarken beschrieben. Die Umsetzung muss dabei jährlich kontrolliert werden.
Strausberg ist
kurz vor der Ziellinie
Kurz vor der Ziellinie in Märkisch-Oderland steht die Wärmeplanung unter anderem in Strausberg. Frühzeitig reagierten die Stadtverordneten auf die Vorgaben des WPG und stimmten schon im September 2023 einstimmig dafür, die Aufstellung der kommunalen Wärmeplanung in Angriff zu nehmen.
Zuständig für die Umsetzung der Wärmeplanung ist Lydia Leu, die den Prozess der Erstellung seitens der Stadt Strausberg von Anfang an begleitete. Da nachgelagert zum Bundesgesetz erst eine Landesverordnung umgesetzt werden musste, musste zunächst auf diese Verordnung gewartet werden. Die offizielle Beauftragung der Planergemeinschaft, bestehend aus der Trainel GmbH und der RVZN Wehr GmbH erfolgte dann im April 2025.
Am 10. März 2026 wurde das Ergebnis öffentlich vorgestellt. Im Rahmen dessen wurde der Prozess und das schrittweise Vorgehen bis zum aktuellen Stand der Wärmeplanung duch Lydia Leu dargelegt. Sie betonte, “dass die kommunale Wärmeplanung ein strategisches Instrument ist, was mögliche Potentiale und Zielszenarien einer klimaneutralen Wärmeversorgung aufzeigt“.
Der Wärmebedarf Strausbergs liegt insgesamt bei etwa 190 Gigawattstunden pro Jahr, wovon 137 Gigawattstunden bzw. 80 Prozent auf den Anteil des Wohnsektors fallen. Verglichen mit Letschin und der etwa sieben Mal so hohen Einwohnerzahl, ist die Energieeffizienz in Strausberg deutlich höher. Im Unterschied Letschin und vielen anderen Gemeinden verfügt Strausberg mit den Stadtwerken und deren Fernwärmenetzen auch bereits über eine Wärmeinfrastruktur. Damit werden 16 Prozent der Gebäude, überwiegend Mehrfamilienhäuser, und damit 45 Prozent des Wärmebedarfs versorgt. So sind 93 Prozent der Gebäude der Wohnungsbaugesellschaften an das Fernwärmenetz angeschlossen, stellte Asmita Subedi von der RVZN in der Ergebnispräsentation vor. Fernwärme und Mehrfamilienhäuser, sowie die ebenfalls jüngere Gebäude- und Sanierungsstruktur erklären den deutlich geringeren pro Kopf Wärmebedarf in Strausberg im Vergleich zu Letschin.
Von den übrigen Gebäuden werden 78 Prozent mit Gas beheizt, was überwiegend Einfamilienhäuser betrifft. Um die Potentiale der Fernwärme zukünftig zu nutzen, wurden die Stadtwerke Strausberg GmbH von Anfang an eng in den Prozess eingebunden und sind als Wärmenetzbetreiber parallel gem. §32 WPG verpflichtet bis zum 31. Dezember 2026 einen Transformationsplan hin zu klimaneutraler Wärmeerzeugung zu erstellen. Beide gilt es in der kommunalen Wärmeplanung für das Stadtgebiet Strausberg zusammenführen. Die Planung setzt entsprechend dort an und zeigt auf wo ein Ausbau und Anschluss weiterer Stadtteile sinnvoll ist.
Lohnt sich die Abwärme aus Rüderdorf?
Dem Bedarf folgend wurden die Potentiale zu Wärmeversorgung anhand der technischen Möglichkeiten in Verbindung mit den lokalen Gegebenheiten vorgestellt. Das heißt, es wurden regionale Wärmequellen zur Wärmegrundlastversorgung, wie die industrielle Abwärme des IKW Rüdersdorf – CEMEX sowie deren vorgelagerte Biokohleproduktion betrachtet und deren energetischen Abwärmepotentiale ermittelt.
Ebenfalls betrachtet wurden Geothermie, Solarthermie, Biomasse und (Groß)wärmepumpen sowie saisonale Speicher als anteilige Wärmequellen und deren jeweiliges Potential.
Abschließend wurde ein Zielszenario vorgestellt, welches die schrittweise Transformation hin zu Wärme aus den Potentialen fossilfreier Energieträger bis 2045 exemplarisch beschreibt.
Potentiale zum Ausbau bzw. weiteren Anschluss an die Fernwärme werden in Teilen der Vorstand, der Altstadt sowie der Hegermühle mit einer Verdoppelung auf ca. 35 Prozent der bis 2045 angeschlossen Gebäude beschrieben. Die Verwendung der Rüdersdorfer Abwärme für Einfamilienhaussiedlungen„lohnt sich dagegen nicht“, so Irina Kühnel die Geschäftsführerin der Stadtwerke. Entsprechend sieht die Planung dort und insgesamt für 57 Prozent der Gebäude die Wärmepumpe als Wärmequelle vor.
Für den Ortsteil Hohenstein Wohnplatz Ruhlsdorf stellt die örtliche Biogasanlage eine Option für eine Nahwärmelösung zur Abdeckung von ca. 50 Prozent des Ortes dar, deren Umsetzungspotential es jedoch in einer Machbarkeitsstudie weiter zu untersuchen gilt. Seitens der Stadtwerke ist für den Gebietsteil Strausberg zunächst der Zusammenschluss der drei separaten Fernwärmenetze vorgesehen, auch um Redundanzen zu schaffen.
Neben der Abkehr von fossilen Energieträgern muss die Versorgungssicherheit und der Aspekt der Diversifizierung berücksichtigt werden. Dahingehend betonte Irina Kühnel, Abwärme aus Rüdersdorf könne „ein Teil der künftigen Wärmeversorgung sein, aber nicht der einzige“.
Die Planung ist öffentlich einsehbar und kann noch bis zum 12.April 2026 kommentiert werden. https://www.stadt-strausberg.de/stadtentwicklung-2/kommunale-waermeplanung/
Erst nach Berücksichtigung der Kommentare, Beratung im Fachausschuss und Beschluss durch die Stadtverordnetenversammlung gilt die Wärmeplanung als die Umsetzungsstrategie für Strausberg zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. Die Umsetzung wird dann schrittweise im Zusammenwirken mit den Stadtwerken erfolgen.
Was bedeutet die Wärmeplanung für uns Bürgerinnen und Bürger?
Für Bürgerinnen und Bürger soll die kommunale Wärmeplanung vor allem Orientierung schaffen. Niemand muss überstürzt handeln oder sofort die Heizung austauschen.
Gleichzeitig lohnt es sich, die eigene Situation zu kennen und sich beraten zu lassen, etwa über die unabhängige Energieberatung der Verbraucherzentrale. Wer weiß, wie sich das eigene Quartier entwickelt, kann Investitionen besser planen.
Die kommunale Wärmeplanung ist damit weit mehr als ein technisches Projekt. Sie ist eine gemeinsame Aufgabe von Kommunen, Wirtschaft und Bürgerschaft.
Quellen und Links
https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/gesetzgebungsverfahren/DE/kommunale-waermeplanung.html
https://mil.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/Waermeplanungsverordnung_Dominic_Grueneberg.pdf
https://www.dena.de/projekte/kompetenzzentrum-kommunale-waermewende-kww/
Textrecherche „Wärmeplanung“ Letschin & Strausberg
https://www.ratsinfo-online.net/letschin-bi/vo020.asp?VOLFDNR=2040
https://letschin.de/wp-content/uploads/2025/10/KWP-Bericht-Letschin-20250721_v7_final.pdf
https://www.stadt-strausberg.de/stadtentwicklung-2/kommunale-waermeplanung/
https://ratsinfo-online.de/strausberg-ri/to020.asp?TOLFDNR=17784#searchword
Fernwärmesatzung Strausberg
https://ratsinfo-online.de/strausberg-ri/vo020.asp?VOLFDNR=10395
